Auf dem dacapo-Blog der Duisburger Philharmoniker wird als Thema der Blogparade die Frage aufgeworfen, wie das Konzert der Zukunft (in fünf Jahren) aussieht. Meine Einschätzung: „Nicht viel anders!“ Allein schon deshalb, weil im Orchesterbetrieb fünf Jahre nicht viel sind. Immerhin: Es wird zu einem Kunstformenpluralismus kommen. Und um das Konzert herum wird sich einiges ändern. Die Frage ist allerdings, ob Orchester diese Entwicklungen mitgehen können und wollen.

Das Live-Erlebnis wird nicht vom Live-Stream ersetzt.

Zugegeben, ich bin kein Orcherstermusik-Experte. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass sich die Branche in den letzten Jahren strukturell nicht wirklich verändert hat, was wiederum damit zusammenhängen dürfte, dass sich der Orchestermusikbetrieb nicht annähernd so schnell wandelt wie die Internetbranche. Und das wird in fünf Jahren nicht anders sein. Beethoven und Mozart und wie sie nicht alle heißen werden noch immer viel gespielt. Und zwar ganz klassisch auf ganz klassischen Instrumenten. Das Live-Erlebnis wird also nicht vom Live-Stream ersetzt, und die Neue Musik wird die Wiener Klassik nicht verdrängen. Veränderungen gibt es trotzdem.

Der Trend geht zum Event.

Bei einem traditionellen Kulturliebhaber zieht sich beim Wort „Event“ alles zusammen. Denn Events sind bekanntlich für Kulturbanausen, die sich nicht für die dargebotene Leistung und schon gar nicht nachhaltig für die Kunst interessieren, sondern nur dem Highlight hinterherhecheln, um später sagen zu können, dass man dabei gewesen sei. Was eine Sonatenhauptsatzform ist, das weiß der Eventbesucher nicht, dafür pfeift er nach dem Konzert das Motiv im Auto. Doch da auf der anderen Seite der typische Konzertbesucher zur Generation Silbersee gehört (und bald zur Generation Totes Meer), braucht es eine Veränderung. Selbst wenn dem traditionsliebenden Besucher das nicht gefällt, wird auch der Orchesterbetrieb eventisiert. Wenn er es nicht schon ist. Und weil sich traditionelle Events wie das Lucerne Festival nicht von heute auf morgen herstellen lassen, wird der Orchesterbetrieb eine Zwangsehe mit der Popkultur eingehen müssen. Ergo wird es zukünftig mehr Formate wie die Night of the Proms und Konzerte von The Ten Tenors geben. Was Laura Höflinger im Tagesspiegel für Rock- und Popkonzerte schreibt, dürfte in modifizierter Form auch für den klassischen Konzertbetrieb zutreffen: „Lichteffekte, Kostüme und Bühnenshows – jedes Konzert muss ein Event sein, ein Livespektakel. Größer, lauter, denkwürdiger.“ Ein Starpianist wie Lang Lang wird sich zwar kaum wie Madonna auf der Bühne räkeln (wer sollte das auch sehen wollen), aber gut gemachte Visualisierungen, wie sie z.B. auf dem CAMP-Festival zu sehen sind, stünden einem klassischen Konzert gut zu Gesicht. Und ein bisschen mehr Cross Culture dürfte es ebenfalls sein. Gute Erinnerungen habe ich beispielsweise an ein Konzert der Phoneheads mit den Düsseldorfer Philharmonikern 2007 in der Tonhalle. Eine ähnliche Absicht hatte übrigens das diesjährige c/o pop-Festivals, deren Ziel es u.a. war „Spielstätten der Hochkultur in ein Popkulturprogramm zu integrieren“. Wie so etwas in der Realität aussehen kann, zeigt das Project Ship Song des Sydney Opera Houses gut:

Mein Konzert der Zukunft

Nachdem ich über Google+ schon von der Veranstaltung „Das Wunder von Bern live und laut“ gehört habe, stoße ich an der Bushaltestelle auf ein passendes Plakat. Ich scanne den QR-Code und komme auf die Veranstaltungs-Website. Neben kurzen, knackigen Informationen finde ich dort auch einen Trailer. Die Berliner Philharmoniker feat. Paul Kalkbrenner haben gemeinsam eine Sinfonie zum WM-Endspiel 1954 komponiert, die exakt auf die Laufwege von Fritz Walter & Co. abgestimmt ist. Wow! Muss ich gesehen habe. Drei Klicks auf mein Android Tablet und das (digitale) Ticket gehört mir.
Am Abend der Veranstaltung kann ich aufgrund des NFC-Tickets einfach in den Konzertsaal schlendern. Bei Google Latitude checke ich ein und sehe, dass noch zwei alte Fußballkollegen vor Ort sind. Ich kontaktiere sie und erlebe mit ihnen zusammen einen hervorragenden Abend, bei dem sich die Künstler nicht all zu ernst nehmen, aber dennoch hervorragende Leistungen abliefern. Das Endspiel wurde „digitally remastered“ und wird auf einer riesigen Leinwand in 3-D präsentiert. Paul Kalkbrenners Beats sind perfekt mit den Orchesterklängen der Philharmoniker abgestimmt. Passend zum Thema wird jedem Besucher in der Halbzeitpause eine Stadionwurst und ein Bier gratis gereicht (von Becks gesponsert). Damit habe ich nicht gerechnet; mein Schwabenherz schlägt höher. Nach der Pause geht es spannend weiter und zum 3:2 durch Helmut Rahn gibt es Pauken und Trompeten. Nach gewonnenem Spiel findet der ohnehin grandiose Abend ein würdiges Ende durch die Darbietung der Blassportgruppe Südwest: Solang man Träume noch leben kann. Die Orchestermusik ist wieder wer!

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager an der FH Dortmund, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Pingback: Kultur 2.0 » stART11 ¦ Nachgefragt bei Christian Henner-Fehr

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    Franzi

    Vom Kopp direkt in mein Herz! Vielen Dank, virtuos geschrieben. Ich sehe das ganz ähnlich wie der Autor. ‚Klassik‘ wird es immer geben, ‚Live‘ auch, aber vielleicht unter einer ganz neuen Definition, die wir uns aktuell noch gar nicht vorstellen können?
    Bitte weiter solche Artikel, ich freu mich drauf.

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