Bereits im Juli wird dieses Jahr die startconference stattfinden, Motto: „navigare!“ Während andernorts von „Social Müdia“ die Rede ist, wird Frank Tentler nicht müde, die Neuartigkeit des Social Webs zu betonen. Das Problem sei nur: „(…) wir Menschen, die wir es privat und beruflich nutzen, beherrschen und verstehen es nicht.“ Im Vergleich zur visionär anmutenden stART.11 steht dieses Mal folglich die Praxis im Vordergrund. Finanziert werden soll die Konferenz u.a. über Crowdfunding; angestrebt werden 30.000 €. Mein Tipp: die kommen rein! Allerdings sinken die Einnahmen aus anderen Quellen – nicht ganz zufällig.

Crowdfunding = Sponsoring 2.0

Beim Crowdfunding ist das Tolle für den Geldgeber: er bekommt was zurück. Das Nicht-so-Tolle für den Geldnehmer ist: er muss was zurückgeben. Crowdfunding ist also keine Spende, sondern eine besondere Form des Sponsorings. Besonders vor allem deshalb, weil eine Masse von Privatpersonen angesprochen wird (und nicht einzelne Unternehmen). Besonders aber auch, weil es kreative Sponsoring-Möglichkeiten geradezu provoziert und weil die Sache online über eine Crowdfunding-Plattform abgewickelt wird.

Warum „Stromberg“ kein gutes Beispiel ist

„Wow“, denkt man, wenn man liest, dass für den „Stromberg“-Film binnen einer Woche eine Million Euro Startkapital gesammelt werden konnte. Selbstredend löst so ein Erfolg bei jungen Kreativen Träumereien aus. Das Dumme ist nur: als Best Practice Beispiel kann es ihnen nicht dienen. Denn hinter diesem Crowdfunding-Erfolg steht ein ausgeklügeltes Investitionsmodell, das eine Gewinnausschüttung für die Geldgeber erwarten lässt. Schauen mehr als 1 Mio. Leute den „Stromberg“-Film im Kino (was bei einer wöchentlichen Einschaltquote von etwa 1,5 Mio. Zuschauern drin sein müsste), gibt es das investierte Geld wieder zurück – und sogar noch was obendrauf. Es sieht also alles nach einer Win-Win-Situation aus: die Produktionsfirma Brainpool bekommt Geld und Publicity, die Geldgeber werden im Abspann genannt und bekommen wahrscheinlich sogar noch Geld dafür. Doch was macht man als unbekannter Künstler??? Antwort: erstmal deutlich kleinere Brötchen backen. Das zeigt auch der „Crowd funding-Monitor“ von Für-Gründer.de, der die Entwicklungen auf den deutschen Crowdfunding-Plattformen dokumentiert. Für 2011 sieht die Bilanz wie folgt aus:

  • Insgesamt beendete Projekte: 442
  • Erfolgreich beendete Projekte: 170
  • Vermitteltes Kapital: 457.924 €
  • Erfolgsquote: 38 %
  • Durchschnittlicher Kapitalbetrag pro Projekt: 2.694 €
  • Für-Gründer.de-Prognose für 2012: mind. 640.000 €

An diesen Zahlen zeigt sich, dass „Stromberg“ eine absolute Ausnahme bildet. Es ist zwar davon auszugehen, dass das vermittelte Crowdfunding-Kapital 2012 (um wie viel Prozent auch immer) steigen wird, aber das Erzielen von fünf-, sechs- oder siebenstelligen Summen wird die Ausnahme bleiben. Vor einem allzu enthusiastischen Blick über den Atlantik (wie ihn Christian Henner-Fehr wagt), sei ebenfalls gewarnt. Denn dass die Amerikaner mit Geld anders umgehen, ist hinlänglich bekannt und zeigt sich u.a. im verwandten Fundraising-Bereich.

Bei all der Crowdfunding-Euphorie muss man außerdem ergänzen, dass einige erfolgreich finanzierten Projekte nicht nur über Crowdfunding ihr Geld eintreiben. Das Projekt „Jazz mit Kick“ hat beispielsweise über startnext.de „nur“ 1.135 € an Crowdsourcing-Geldern eingeholt, aber trotzdem ihr erklärtes Ziel von 4.000 € erreicht (und sogar überschritten). Woher das restliche Geld stammt, steht nirgends.

Warum die startconference erfolgreich sein wird

Aufgrund der oben genannten Zahlen erscheint es unwahrscheinlich, dass die startconference ihr Ziel erreicht – ist es aber nicht! Denn 30.000 € sind nicht viel, wenn – wie im Fall der startconference – der Ticketverkauf in die Crowdfunding-Kampagne integriert wird. Nicht falsch verstehen: dagegen spricht nichts und es ist 100 % legitim. Bedenken sollte man allerdings, dass Crowdfunding dann kaum zusätzliche Einnahmen generiert, sondern andere Einnahmen (hier: das Ticketing) ersetzt! Verkaufen die stART-Initiatoren also 200 Tickets à 150 € über eine Crowdfunding-Plattform, sind die 30.000 € drin und das Crowdfunding-Experiment kann als Erfolg verkauft werden. Quod erat demonstrandum. Doch ohne jegliche Ergänzung, wäre das eine ziemlich „gewulffte“ Aussage…

Und dennoch: Crowdfunding hat Potenzial

Crowdfunding ist eine gute Sache – wenn bloß dieser Hype nicht wäre, der falsche Hoffnungen weckt. Denn große Summen werden auch zukünftig fast ausschließlich von bekannten Künstlern erzielt – ähnlich wie bei den „Pay What You Want“-Experimenten im Musikbereich. Nachdem Radiohead 2007 damit erfolgreich war, ging ein Aufschrei durch die Branche: warum machen das nicht alle so?! Richtig, weil es nicht bei allen funktioniert. So ist es auch mit dem Crowdfunding. Wer nur wenige tausend Euro braucht, um kleine Projekte zu finanzieren, für den bietet sich Crowdfunding an. Wem größere Summen vorschweben oder wer womöglich denkt, darüber laufende Kosten decken zu können (z.B. im Theaterbereich), wird enttäuscht werden.
Als positives Beispiel möchte ich zum Schluss die Crowdfunding-Aktion einer Bekannten auf VisionBakery erwähnen, die über diese Plattform 3.500 € für die Herausgabe ihres neuen Päng!Magazins eingespielt hat. Natürlich waren da auch Spenden von Mama, Papa, Onkel & Co. dabei, aber eben nicht nur! Und dass war in diesem Fall extrem wichtig, denn sonst könnte sie ihr Magazin schlichtweg nicht herausbringen.

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Autor: Axel Kopp

Jahrgang 1982, Online-Redakteur bei der IHK Düsseldorf und Kulturmanager mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. avatar
    Christian Holst

    In deinem letzten Satz deutest du etwas an, was mir ganz entscheidend erscheint. Ich halte es nämlich für zu kurz gesprungen, Crowdfunding mit Sponsoring gleichzusetzen. Crowdfunding hat den Charakter einer Investition, denn es ermöglicht und sichert Projekte, die sonst so nicht zustande kommen würden. Es wird ja ein Funding-Ziel definiert, dass Planungssicherheit schafft. Das ist bei Spenden und Sponsoring nicht unbedingt der Fall. Im Stromberg-Fall erhält man ggf. sogar eine Rendite, auch das entspricht der Idee einer Investition, im Falle der stARTconference ab einem gewissen Betrag ein Ticket.
    Völlig recht gebe ich dir mit der Aussage, dass Crowdfunding in speziellen Fällen funktioniert, aber sicher nicht in allen. Es ist damit kein Ersatz für andere Formen der Kulturfinanzierung, sondern erstmalt eine Ergänzung, mit der man experimentieren kann. Trotzdem ist auch zu überlegen, ob Projekte, bei denen Crowdfunding derzeit nicht funktionieren wird, nicht doch zustande kommen könnten, wenn die Künstler eine andere Herangehensweise bei Vermarktung und Vermittlung wählen würden?!

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    Axel Kopp

    Erstmal Danke für deinen Kommentar. Ich denke schon, dass Crowdfunding stark Sponsoring ähnelt, wobei Crowdfunding oftmals dazu dient, das Startkapital heranzuschaffen – da gebe ich dir Recht. Apropos Recht: wer über die Stromberg-Aktion eine Rendite erhält, der muss das auch in seiner Steuererklärung angeben, oder? Auf Wikipedia wird übrigens zwischen Crowdfunding (“eher als Variante für die Finanzierung von Nischen-Projekten”) und Crowd investing (“eine Art der Mittelaufnahme für kapitalintensive Start-ups”) differenziert, also ein Unterschied zwischen einer Finanzierung und einer Investition gemacht.

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    QUARDIAN

    Zwischen Sponsoring und Crwofunding ist ein nicht allzu großer Unterschied. Man kann es allerdings auch ganz anders machen.

    So wie es z.B. Barbara Clear mit ihrem Kampfelfenland macht. http://www.kampfelfenland.de/

    Es gibt sicher auch andere Beispiele.

    Gerade bei der Vorfinanzierung einer Tournee kann jeder Künstler ins Schwitzen kommen. Es sind schon einige Künstler dadurch in die Insolvenz geschlittert.

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    Martin Hark

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich beschäftige mich gerade auch intensiv mit dem Thema der Finanzierung . Finanzierung stellt in erster Linie die Strategie zur Geldmittelaufbringung dar. Es gibt verschiedenste Arten und Formen der Finanzierung. In Unternehmungen kann ein gezieltes Finanzierungsmanagement maßgeblich zur Gesamtunternehmenszielerreichung beitragen. Finanzierung ist nicht immer mit der Aufnahme von Fremdkapital verbunden, vielmehr geht es darum, Prozesse zu optimieren und gezielte Möglichkeiten in der Unternehmenssteuerung auszunützen. Schlussendlich stellt der Bereich der Finanzierung Liquidität zur Verfügung, welche zeitglich die Grundlage für wirtschaftliches Handeln darstellt.

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