Unschwer zu erkennen, dass mein letzter Blogbeitrag über Facebooks Premium-Nachrichten nur ein April-Scherz war. Allerdings ein gar nicht so abwegiger, wie sich an Facebooks Bezahlschranken-Experiment für Nachrichten an „Nicht-Freunde“ zeigt. Es muss eben Geld in die Kassen kommen. Dass eine Finanzierung beim Handel mit immateriellen Gütern ausschließlich über Werbung schwierig ist, zeigt sich momentan am Spendenaufruf von netzpolitik.org . Wo es weder Werbung noch Bezahlschranken gibt, da kann es schnell ganz düster werden – so wie im Fall des Google Readers, der in Kürze abgeschaltet wird. Das Ende von Freemium ist das meines Erachtens noch nicht, aber dass „kostenlos“ seine Schwächen hat, wird immer mehr Nutzern immer deutlicher.

Monetarisierung

In der lesenswerten brandeins-Ausgabe vom Juli 2012 „Geld verdienen im Netz“ (online kostenlos) sind im Artikel „Von Perlen und Luftblasen“ diverse Monetarisierungsmodelle aufgelistet. Hier ein kurzer Überblick:

  • Online-Handel
    Produkte oder Dienstleistungen über die eigene Website verkaufen, wie z.B. Zalando. Problem (bei physischen Produkten): Extremer Preiswettbewerb, komplexe Logistik, teure Retouren.
  • Provisionen
    Eine Plattform errichten, auf denen andere Händler Produkte oder Dienstleistungen verkaufen, wie z.B. ebay, Amazon Marketplace oder MyHammer, oder eine Provision bei der Nutzung des Angebots verlangen, wie z.B. Paypal. Problem: Einige große Anbieter dominieren den Markt, Händler sind von den Anbietern abhängig.
  • Werbung
    Werbung auf der eigenen Website schalten, wie z.B. Facebook oder SpOn. Problem: Sich rein über Werbung zu finanzieren, gelingt nur Websites mit hohen Zugriffszahlen.
  • Abonnement / Software as a Service
    Entweder Abonnement für alle Angebote einrichten, wie z.B. bei rdio, oder Basis-Funktionen kostenlos anbieten und für Premium-Funktionen Geld verlangen, wie z.B. bei Spotify oder XING. Software as a Service (SaaS) ist im Wesentlichen auch eine Form von Abo – mit dem Unterschied, dass das dahinter liegende Preismodell oft etwas ausgefeilter ist als beim klassischen Abo (siehe auch Wikipedia).
  • Spenden / Pay What You Want
    Auf Spenden hoffen. Möglichkeiten wie Nutzer spenden können, gibt es viele: Überweisung, Bankeinzug, Online-Bezahlsystem, Social Payment Service etc.. Problem: Es funktioniert außer bei Tim Pritlove so gut wie nie.

Oben aufgeführt sind bewusst nur Monetarisierungsmodelle, keine Geschäftsmodelle. So lautet das Motto von PR-Doktor Kerstin Hoffmann beispielsweise: „Du kannst (fast) alles verschenken, was du weißt – wenn du das verkaufst, was du kannst!“ Und das lebt sie auch. Auf ihrem Blog verschenkt sie Wissen und Expertise, steigert so ihre Bekanntheit und ihren Marktwert – und gewinnt dadurch Kunden, die sie als Beraterin, Sprecherin oder PR-Dienstleistungen engagieren. Auch bei Christian Henner-Fehr ist das ähnlich (wie er hier en passant beschreibt). Beide machen ausgezeichnetes (Content) Marketing und ihre Blogs sind ein wesentlicher Bestandteil davon, aber mir geht es in diesem Artikel nicht um Geschäftsmodelle, sondern um die Monetarisierung von Online-Services und Inhalten.

Keine Lust auf Werbung

Dominik Osterholt von Google Germany hat letztens in einem Vortrag für die Zukunft prognostiziert: „Anzeigen werden freiwillig angesehen“. Dass es gute Werbung gibt, die sich die Leute gerne anschauen, möchte ich gar nicht abstreiten (man denke nur an den Super Bowl), aber das ist der Ausnahmefall. Die allerallermeiste Werbung, die man beim Surfen im Netz eingeblendet bekommt, nervt ganz einfach. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das so schnell ändert.
Jetzt kann man natürlich hergehen, sich Adblock Plus installieren und ist dann mit einem Schlag die ganze Werbung los. Legal ist das zwar, aber in meinen Augen eigentlich moralisch verwerflich, denn damit zerstört man das im Netz am weitest verbreitete Monetarisierungsmodell. Das „eigentlich“ steht allerdings nicht ohne Grund da, denn wenn es keine kostenpflichtige, werbefreie Premium-Funktion gibt, haben es zumindest große Anbieter meines Erachtens nicht anders verdient. Ich denke da in erster Linie an Google/YouTube und Facebook. Gerne würde ich dafür zahlen, um YouTube-Videos ohne Werbung zu sehen, aber es gibt derzeit schlichtweg keine Möglichkeit.

Paywall ist im Online-Journalismus noch keine Lösung

Im Online-Journalismus wird über das Für und Wider von Paywalls seit Jahren diskutiert und hin und wieder auch ausprobiert. Das Problem scheint mir derzeit allerdings zu sein, dass es noch zu viele gute Angebote gibt. Nur als Beispiel: SpOn, FAZ.net, Zeit Online und Süddeutsche.de unterscheiden sich sicher recht deutlich. Doch würde eines der Angebote wegfallen, wäre der Trennungsschmerz überwindbar. Und deshalb ist für „Online-Tageszeitungen“ eine Paywall derzeit keine Lösung (sofern sie nicht alle einführen, was in Anbetracht der auf den deutschen Markt drängenden Huffington Post sehr unwahrscheinlich erscheint). Bei „Special Interest“-Angeboten wie netzpolitik.org bin ich etwas optimistischer, aber immer noch pessimistisch.
Bei einer Anwendung wie dem Google Reader hingegen, der über Jahre hinweg State of the Art war und von quasi jedem Blogger/Journalisten genutzt wurde, kann ich nicht nachvollziehen, warum man den Dienst abschaltet, anstatt ihn in einen kostenpflichtigen umzuwandeln. Dass sich mit Feedly ein würdiger Nachfolger gefunden hat, finde ich ja toll, aber wie sieht deren Monetarisierungsmodell aus? Wer 1+1 zusammenzählen kann, weiß schon jetzt, dass auch Feedly bald Geld verdienen muss (oder den Dienst nicht ordentlich weiterentwickeln kann). Und dann es einen Aufschrei geben – ganz so wie bei Mitfahrgelegenheit.de, das seit Kurzem elf Prozent für jeden vermittelten Mitfahrer in Rechnung stellen. Wer sich jedoch mal die Kommentare auf dem dazugehörigen SpOn-Artikel ansieht, merkt schnell, dass es dort eine nicht unerhebliche Zahl an Leuten gibt, die es ok finden, für so einen Service Geld zu zahlen (über die Höhe lässt sich streiten).
Nachdem die Gründer von Quote.fm bekannt gegeben haben, ihren Dienst aufgrund mangelnder Einnahmen abzugeben, mahnt Martin Weigert andere Startups, das Thema Monetarisierung nicht auf die lange Bank zu schieben. Recht hat er! Dass das möglich ist, zeigt sich an XING, das über 800.000 zahlende Nutzer hat wie auch an diversen Musik-Streaming-Diensten, die wie Spotify zwar noch ein gutes Stück davon entfernt sind, Gewinn zu machen, die es aber geschafft haben, ihre Nutzer zum Zahlen zu bewegen.

Fazit: Monetarisierung von Online-Services möglich

Sascha Lobo behauptet zwar, dass es sowas wie eine Gratismentalität im Netz nicht gäbe und versucht diese wegzudefinieren, aber letztlich ist das nur Wortklauberei. Viele Internetnutzer sind noch immer nicht bereit, für Online-Dienste und guten Content Geld zu zahlen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das langsam ändert. Das wurde zwar schon 2002 konstatiert und lässt sich nur punktuell belegen, doch es beschleicht mich das Gefühl, dass es hier langsam einen Mentalitätswandel gibt, der damit zusammenhängt, dass Nutzer von Werbung, von schlecht programmierten und unbeständigen Kostenlos-Services und von der Bezahlung mit persönlichen Daten zunehmend genervt sind. Auf gegenteilige Meinungen freue ich mich!

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Autor: Axel Kopp

Jahrgang 1982, Online-Redakteur bei der IHK Düsseldorf und Kulturmanager mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. avatar
    Christian Henner-Fehr

    Ob das nun Gratismentalität genannt wird oder anders, spielt, wie Du schreibst, keine Rolle. Fakt ist aber, dass viele Branchen das Internet ganz gezielt dafür verwendet haben, kostenlose Inhalte zu verteilen in der Hoffnung, das eigentliche Produkt würde so beworben und sich am Ende besser verkaufen.

    Vor allem die Printmedien sollten sich mal an die eigene Nase fassen und überlegen, warum jemand plötzlich Geld zahlen soll für etwas, das es bis jetzt kostenlos gab? Vom Preis-/Leistungsverhältnis und ähnlichen Dingen reden wir da noch gar nicht.

    Ein anderer Punkt: in einer Welt, in der wir immer besser vernetzt sind und in Echtzeit kommunizieren können, ist es ein Anachronismus, wenn ich US-TV-Serien aus dem Jahr 2011 bei uns heute noch immer nicht als DVD legal kaufen kann. In so einem Fall sollten wir über die Ignoranz der Anbieter gegenüber einer veränderten Welt sprechen und nicht von der Gratismentalität der User.

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    Mett

    Man kann es Gratismentalität nennen oder nicht. Fakt ist: Es ist Marktwirtschaft. Warum sollte ich für guten “Content” Geld bezahlen, wenn ich guten “Content” kostenlos haben kann? Kern des Problems der professionellen Anbieter ist die bidirektionale Struktur des Internets, die es jedem erlaubt, kostengünstig selbst zum Inhalteanbieter zu werden. Auf einmal treten Hobbyisten mit Leidenschaft gegen professionelle Anbieter an. Der Hobbyist geht einem anderen Beruf nach und subventioniert seine Leidenschaft quer, der professionelle Anbieter muss wenigstens mittelfristig Geld mit seinem Dienst verdienen.

    Als Hobbyist eine Zeitung/Zeitschrift mit bundesweiter Reichweite herauszugeben dürfte alleine schon wegen der nötigen Mittel nicht so einfach möglich sein.

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    Axel Kopp

    @Mett Warum sollte jemand fair produzierte Kleidung kaufen?! Wenn sich Leute ausbeuten lassen, kann man sie ruhig ausbeuten. Das ist freie Marktwirtschaft… Ich geb zu, der Vergleich hinkt – und trotzdem denke ich, dass die Denkweise vergleichbar ist. Wenn ich jeden Tag die Artikel auf netzpolitik.org lese und gleichzeitig mit einem Adblocker die Werbung auf der Seite ausblende (obwohl ich weiß, dass sie damit ihr Geld verdienen), dann finde ich die Einstellung moralisch fragwürdig.
    Obwohl jeder weiß, dass guter Content Geld/Zeit kostet, sind wir im Internet nicht bereit, dafür auch nur einen Minimalbetrag zu zahlen. Sowas würde ich als Gratismentalität bezeichnen. Das Problem: der Ankerpreis für Informationen liegt im Internet bei 0 Euro (was natürlich auch mit der Historie des Internets und der Möglichkeit der kostenlosen Veröffentlichung von Inhalten zu tun, da gebe ich dir Recht). Wie auch im Artikel beschrieben, glaube ich aber, dass sich die Mentalität langsam wandelt und wir zunehmend bereit sind, auch für immaterielle Güter und Dienste Geld zu zahlen.

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