Der Papierverbrauch pro Kopf lag 2012 in Deutschland bei knapp 250 kg. Auf etwa diesem Niveau liegt er schon seit zehn Jahren und will und will nicht fallen. Ist das papierlose Büro also ein Mythos? Jein, handunterschriebene Verträge und Post-Its wird es noch lange geben, doch der Papierverbrauch wird in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen. Schöne Beispiele, wie man Papier sparen kann, gibt es schon jetzt – auch im Kulturbetrieb.

Internetausdrucker sterben aus

Sebastian Hartmann fragt in seiner Dailyvanish-Blogparade nach Dingen, die aus unserem Alltag verschwinden – CDs und DVDs zum Beispiel. Bei Papier wird das sicherlich nicht so schnell gehen. Denn Papier gibt es seit rund 2.000 Jahren, wir sind mit Papier sozialisiert worden, Papier hat ein positives Image (tolle Haptik, schöner Geruch, relativ günstig, gut zu recyceln…) und anscheinend fördert es sogar die Konzentration und die Kreativität. Warum sollte man also überhaupt wollen, dass es verschwindet? Hier liegt sicherlich der Hund begraben. Der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek 2004 hat zwar gezeigt, dass Papier ungewollt schnell verschwinden kann, diverse Verbände fordern aus Umweltschutzgründen, den Papierverbrauch um 50 Prozent zu reduzieren und Organisationen wie die Arbeitsagentur versprechen sich durch die Abschaffung von Papierakten ein effizienteres und kostengünstigeres Arbeiten, doch der Durchbruch des papierarmen Büros blieb bislang aus. Ich denke, dass sich das in den kommenden Jahren vor allem deshalb ändern wird, da immer mehr Internetausdrucker in Rente gehen und sich unsere Lesegewohnheiten zunehmend wandeln – Tablets und E-Book-Readern sei Dank. Hinzu kommt, dass Dienste wie Evernote, Dropbox, Doo und viele andere Startups es uns erleichtern, vom Papier wegzukommen.

Tablets im Orchestergraben

Ende 2012 sind die Brüsseler Symphoniker (powered by Samsung) von Notenblätter auf Tablets umgestiegen. Hauptvorteil: Änderungen in einer Partitur durch den Dirigenten oder Musiker sind jederzeit möglich und für alle sofort sichtbar, da die Partituren zentral auf einem Server gespeichert sind. Sofern man dem Samsung-Video (siehe unten) glauben darf, spart das Orchester durch die Tablets jährlich rund 25.000 Euro Druckkosten. Die Anschaffungskosten der Tablets und der Software würden sich also auch ohne Sponsoring in wenigen Jahren amortisieren. Hauptnachteil: Bislang ist das Repertoire sehr begrenzt. Würde sich diese Innovation durchsetzen, ließe sich das aber wohl schnell ändern.

Einer für alle

Was für Orchester gilt, gilt im Theaterbetrieb noch viel mehr. Denn jeder Schauspieler braucht natürlich einen Text – und dieser kann sich im Verlauf der Proben durchaus ändern. Passagen werden gestrichen, dann wieder geöffnet, Anweisungen kommen hinzu, Dialoge werden umgeschrieben usw.. Ergo muss mit Hand in den Text reingeschrieben werden (was unübersichtlich ist) oder dieser neu ausgedruckt werden (was nervt). Wer schon mal privat mit Google Drive/Docs gearbeitet hat, kennt die Vorzüge: man hat ein Dokument und dieses kann (je nach Einstellung) von einer oder von mehreren Personen bearbeitet werden, so dass alle immer Zugang zum aktuellen Dokument haben. Technisch sollte es kein Problem sein, so einen Dienst speziell für die Bedürfnisse von Dramaturgen und Schauspielern einzurichten…

Friedliche Koexistenz von Print und Digital im Marketing

Es gehört im Kulturbetrieb zum guten Ton, alle Werbe- und Informationsmaterialien (Ausstellungsbroschüren, Programme, Spielzeitpläne etc.) auch in gedruckter Form anzubieten. Selbst Digitalos wie ich nehmen sich gerne mal einen Flyer mit, vor allem, wenn er schön gestaltet ist. Dass das sinnlos ist, weil alle Infos auch online zu finden sind, denke ich mir oft – und trotzdem stecke ich Printprodukte ein. Dass sie zu Hause schnell den Weg in den Altpapiercontainer finden, geschenkt. Doch nach dem AIDA-Modell hat so ein Flyer dann schon Attention, Interest und Desire geweckt – und somit seinen Zweck erfüllt. So lange wir uns in einer realen Welt bewegen und 5.000 Standard-Flyer nur 35,58 € kosten, wird sich das vermutlich nicht ändern. Wenn ich mit dem konkreten Gedanken spiele, zu einer Veranstaltung oder in eine Ausstellung zu gehen, ist das Internet, wo ich im Idealfall auch noch Bilder, Trailer und schließlich das Ticket aufs Smartphone bekomme, natürlich viel wichtiger. Aber was rede ich von mir? Schaue ich an die Pinnwand meiner Mutter, finden sich da fünf Programmhefte von Kultureinrichtungen inklusive der Nummer vom Kartentelefon (Stand: 29.12.2013).

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Autor: Axel Kopp

Jahrgang 1982, Online-Redakteur bei der IHK Düsseldorf und Kulturmanager mit Schwerpunkt Online-Marketing

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