Nicht erst seit Sascha Lobos Rede zur Lage der Nation auf der re:publica denke ich, dass ich mich stärker für ein freies, sicheres und offenes Internet engagieren sollte. Natürlich kann man auch einfach so Geld spenden, aber mehr Spaß macht es doch, wenn man in einen Verein eintritt. Doch in welchen?

Digitale Gesellschaft e.V.

Irgendwie denke ich bei der Digitalen Gesellschaft (DigiGes) sofort an Marcus Beckedahl und Netzneutralität, obwohl Beckedahl nur der Sprecher und Netzneutralität nur eines von vielen Themen des Vereins ist. Der Verein setzt sich „für eine bürgerrechts- und verbraucherfreundliche Netzpolitik“ und „eine offene und freie digitale Gesellschaft“ ein. Er macht auch sicherlich einen guten Job; was mir allerdings nicht gefällt, ist, dass er keine lokale Ausrichtung hat. Laut einem 2011 erschienenen SPON-Artikel war das von Anfang an so geplant. Bei der Gründung hat Beckedahl wohl die Parole „Greenpeace statt BUND“ ausgegeben, sprich: zentrale Führung statt lokaler Vernetzung. Und die scheint noch immer zu gelten.
Auf der re:publica 14 habe ich einen von DigiGes gefragt, was der Verein denn so mache, wie viele Mitglieder aus Düsseldorf seien und ob es regelmäßig Treffen gebe. Antwort: Man würde sich halt für das Internet einsetzen und Mitglieder aus Düsseldorf gebe es mindestens eins, aber so genau wisse man das nicht; es laufe alles über die Mailingliste. Wenn sie mehr Geld hätten, könnten sie auch mehr Zeit in das Community Building stecken. Und ja, momentan brauchen sie vor allem Geld. Das sei das Allerwichtigste. Einen netzpolitischen Stammtisch oder ähnliches könne ich gerne einrichten.
Ich muss zugeben, dass ich von dem Gespräch enttäuscht war. Dass Geld am meisten fehlt, ist nachvollziehbar, aber muss man denn gleich mit der Tür ins Haus fallen?! Insgesamt hat mich auch diese „Kurzangebundenheit“ gestört, dieses leicht elitäre, leicht genervte „Steht doch alles auf der Website!“ im Unterton. Warum kann man mir nicht einfach was über ein Projekt wie das „Remix-Museum“ erzählen? Nach drei Minuten hatte ich jedenfalls keine Lust mehr, mehr über die DigiGes zu erfahren. Da ich kein Netzpolitik-Guru bin, werde ich wohl kaum einen Netzpolitik-Stammtisch in Düsseldorf gründen, womit sich die Sache mit der lokalen Vernetzung dann auch irgendwie erledigt hat. Hhhhmmm… vor dem Gespräch hatte ich mehr Lust bei der DigiGes Mitglied zu werden. Die Fördermitgliedschaft kostet zwar nur (mind.) 5 Euro im Monat, aber richtig motiviert bin ich trotzdem nicht.

D64 e.V.

Bei D64 fällt mir als erstes Nico Lumma und SPD ein. Der D64 ist zwar SPD-unabhängig, steht aber „inhaltlich der sozialdemokratischen Idee“ nahe. Obwohl ich kein SPD-Wähler bin, wäre das für mich kein Ausschlusskriterium. Nico Lumma hingegen wäre für mich ein Grund dem D64 beizutreten. Ich habe zwar noch nie mit ihm gesprochen, lese aber schon seit ein paar Jahren seinen Blog und halte ihn schlichtweg für einen guten Mann. Ohnehin sind im D64 einige, die ich persönlich und/oder fachlich sehr schätze beispielsweise Mario Sixtus, Martin Oetting, Ibrahim Evsan, Daniel Koening oder Frank Tentler. Vielleicht klingt das ein wenig albern und oberflächlich, aber allein schon, weil auf der Website des D64 die Mitglieder mit Bild vorgestellt werden, ist der Verein mir sympathischer als die weitgehend gesichtslose DigiGes.
Inhaltlich sehe ich zwischen den Positionen und Zielen der beiden Vereine zumindest auf den ersten Blick keinen großen Unterschied. Für Netzneutralität, gegen Vorratsdatenspeicherung und gegen die Totalüberwachung der NSA sprechen sich beide aus. Die D64 setzt sich wohl noch mehr für „digitale Bildung“ (Informatik-Unterricht an Schulen etc.) ein, aber sonst?
Da ich persönlichen Kontakt innerhalb eines Vereins wie gesagt für wichtig halte, gefällt es mir, dass im Mission Statement vom D64 explizit steht, dass Offline-Aktivitäten gefördert werden. Einziger Haken: Der D64 scheint mir sehr stark in Hamburg und Berlin verortet. Vor einem halben Jahr gab es zwar auch mal eine Veranstaltung in Köln, aber in Düsseldorf existiert der Verein faktisch nicht. Und da muss ich wiederum sagen, fällt es mir schwer, (mind.) 10 Euro im Monat abzudrücken. Würde ich nicht nur halbtags arbeiten, hätte ich natürlich mehr Kohle, aber momentan finde ich das ohne echte Gegenleistung ganz schön viel.

Chaos Computer Club / Chaosdorf e.V.

Das Chaosdorf, wie der CCC in Düsseldorf heißt, ist vor Ort sehr aktiv: Cryptopartys, Coding-Sessions, Freifunktreffen, gemeinsames An-Smartphones-Herumbasteln etc. pp.. Den persönlichen Kontakt, den ich bei oben genannten Vereinen vermisse, gibt es im Chaosdorf. Fast täglich findet irgendwas statt.
Obwohl sich der CCC auch für ein freies, offenes und sicheres Netz einsetzt, kommt er aus einer anderen Richtung: vom Hacken, Coden und Entwickeln. Und das merkt man dem Verein auch an. Ich meine das gar nicht böse, die Leute vom Chaosdorf sind supernett und superhilfsbereit, aber sie sind halt schon ein Völkchen für sich – nerdig, im positiven Sinn. Und da ich selbst (leider) nicht programmieren kann, komme ich mir im Chaosdorf vor wie der letzte Volltrottel. Gespräche werden dort binnen Sekunden so technisch und speziell, dass ich einfach nicht mehr mitkomme und mich als Außenseiter fühle, wodurch trotz der Offline-Aktivitäten kein richtiges Gemeinschaftsgefühl bei mir entstehen mag. Mit einem Mitgliedsbeitrag von 15 Euro im Monat ist das Chaosdorf außerdem der teuerste Verein.

Fazit

Genauso wie ich schon seit Jahren nach der richtigen Partei für mich suche, genauso suche ich noch den richtigen „Internetverein“ für mich. Gut und unterstützenswert finde ich alle drei. Am sympathischsten ist mir der D64, aber außer in diversen Blogposts von Nico Lumma habe ich ihn bislang nicht wahrgenommen. Und irgendwie ist mir das momentan zu wenig, um Mitglied zu werden. Außerdem bin ich schon in drei anderen gemeinnützigen Vereinen. Ich halte meine Ohren aber weiterhin offen und bin auf Kommentare und Reaktionen gespannt.

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Autor: Axel Kopp

Jahrgang 1982, Online-Redakteur bei der IHK Düsseldorf und Kulturmanager mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. avatar
    Nico

    ach, das ehrt mich jetzt aber. :)

    also, wo fange ich an. natürlich wäre D64 die beste lösung, da bin ich völlig objektiv. was die Dezentralität angeht: Berlin hat natürlich eine gewisse Sogkraft, aber wir haben als “Zentren” Berlin, Hamburg und Köln, sogar ein wenig “Ruhrpott”, wo Veranstaltungen unterschiedlichster Art stattfinden, von Stammtischen bis hin zu Podiumsdiskussionen. München liegt noch total blank, aber auch da haben wir Mitglieder, die etwas machen wollen. Bei uns sind gerade 270 Mitglieder und unsere Website wird seit Ewigkeiten runderneuert, daher ist da nur ein Snapshot zu sehen. Wir organisieren uns primär über eine Facebook-Gruppe, das ist nicht schön, aber praktikabel.

    Themen gibt es genug, bei uns kann jedes Mitglied die Themen einbringen, die sie oder er relevant findet. Wir freuen uns über jeden neuen Mitstreier und ich glaube, dass die Ideale Freiheit, Gleichheit, Solidarität so verkehrt nicht sein können, aber unbedingt für die digitale Gesellschaft erhalten und gestärkt werden sollten.

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    Mic

    Schön, hier so nette Worte über das Chaosdorf zu lesen.

    Ich lade dich dazu ein, beim Chaos Computer Club Mitglied zu werden; wir nennen ihn auch den “großen CCC”. Es ist ein Interessenverband für einen freiheitlichen Umgang mit Technik, also vor allem auch der Telekommunikation in Form des Internet.

    Der CCC organisiert den Chaos Communication Congress, das Camp und finanziert mehrere Projekte. Beim Thema Netzneutralität sind wir recht aktiv, indem wir zum Beispiel Freifunk-Router und Tor-Exit-Nodes betreiben. Außerdem schicken wir unsere VertererInnen (Constanze Kurz, Frank Rieger) zur Presse, um fundierte Kritik in den Diskurs einzubringen. Dazu haben sie auch Beratung in Ausschüssen und beim Verfassungsgericht gegeben.

    Das ist unsere Arbeit auf der Makro-Ebene. Vor Ort bauen wir natürlich auch am freien Internet. Aber das ist halt dann der Punkt, bei dem es schon einmal sehr technisch werden kann. Da halten selbst langjährige Mitglieder oft nicht mehr mit, weil Rechnernetze doch ein spezielles Thema sind.

    Übrigens: wenn du doch einmal im Chaosdorf Hackspace aktiv sein möchtest, zahlst du als CCC-Mitglied nur noch die Differenz als Beitrag. Dazu haben wir die Doppelmitgliedschaft.

  3. avatar
    Dirk

    Hallo Axel,

    Dein Post hat schon mal dazu geführt , dass sich nächste Woche ein spontaner Stammtisch in Düsseldorf anberaumt. Nico ist auch dabei.

    Schreib mir eine EMail wenn du dabei sein willst. Dann hakt ich dich auf dem Laufenden.

    Beste Grüße
    Dirk

  4. avatar
    Maxim

    Hi Axel,

    ich bin auch bei D64 dabei und darf alle vier Wochen den Ticker schreiben (in den anderen drei Wochen machen das @lino, @rjaeger und @lutzmache – guck Dir die Typen bei Twitter ruhig mal an). Wenn Du magst, kannst Du den Ticker hier abonnieren: http://d-64.org/ticker/

    Du kommst gerade in einer Zeit, wo’s hier richtig brummt unter der Haube, Stephan (aka @holadiho) hat gerade die Forderung nach einer unabhängigen Zertifizierung für Hardware ohne Backdoors initiiert, ich selbst und Stephan wollen gerade das Thema Bildung und Digitales weiter aufbohren, Leonhard Dobusch (der auch bei der DigiGes und bei netzpolitik.org engagiert ist) tritt regelmäßig lautstark und klug für Creative Commons ein.

    Da sind noch so viele andere Themen, die wir gern noch viel breiter beackern würden: Disruptionen, Zukunft der Arbeit, Pokalfinale am Samstag, die üblichen Verdächtigen (Breitbandausbau, VDS, Netzneutralität, LSR), Algorithmenethik, Gleichstellung, youNameIt!

    Viele Grüße
    Maxim / @Pausanias

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    Axel Kopp

    Vielen Dank euch allen für die Rückmeldungen! Meine Grundannahme, dass man eigentlich in allen drei Vereinen Mitglied, wurde betätigt. :-) Bin auf den ersten Düsseldorfer D64-Stammtisch gespannt!

  6. avatar
    Julian Heck (@julianheck)

    Stand vor der gleichen Frage – und habe mich jetzt für D64 entschieden. Sympathischer Haufen, lässt aktive Beteiligung zu, ist geografisch noch verteilter als digiges. Ich lasse mich jetzt mal – hoffentlich positiv – überraschen :)

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