Warum die Werbung ausgedient hat? Weil wir Konsumenten sie durchschauen. Weil wir wissen, dass sie uns belügt. Weil wir wissen, dass sie uns nur zum Kauf bewegen will. Weil wir wissen, dass die Produkte in echt viel schlechter sind. Und weil wir wissen, dass… so what??? Wir leben in einem Informationszeitalter und wissen unglaublich viel. Verhalten wir uns deswegen anders? In den meisten Fällen nicht. Wir essen zu viel Fleisch, Pommes und Schokolade, kaufen zu oft bei Aldi, Lidl und Schlecker ein, fahren zu viel mit dem Auto, produzieren zu viel Müll, schauen zu viel Müll im Fernsehen, vertrödeln zu viel Zeit auf YouTube… Ja, das ist traurig. Aber das ist leider auch wahr. Klar, Ausnahmen gibt es immer. Aber das sind leider Ausnahmen.

 

Social Media Marketing ist kein Werbekanal, oder?

Über Facebook, Twitter & Co. Werbung zu streuen, ist ein No-Go, ein Geht-überhaupt-gar-nicht. Obwohl… wenn die Werbung gut gemacht und witzig ist, schauen wir sie uns gerne an und leiten sie auch bereitwillig weiter. Und „ja“, dann ist es auch okay, wenn das Unternehmen selbst sie auch über Social Media Kanäle verbreitet. Ein hervorragendes Beispiel aus jüngster Zeit liefert die virale Kampagne von Old Spice (besonders grandios ist übrigens der Gastauftritt bei „Will it blend?“). Hat sich irgendjemand beschwert, dass Werbung hier über Social Media vertrieben wird? Das Problem ist also ein ganz anderes: Es gibt zu viel schlechte Werbung! Zu viel „Kaufen Sie das!“, „Tun Sie dies!“ und „Kommen Sie zu uns!“. Außerdem gibt es zu viel Reklame an Orten, an denen wir keine Werbebeschallung haben wollen. Manchmal wollen wir Werbung ja sogar haben. Ich jedenfalls kenne Leute, für die Kinowerbung ein Grund ist, ins Kino zu gehen. Wir halten also fest: Werbung ist nicht per se schlecht.

 

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“

Videos wir dieses hier von pundo3000 wollen uns die Augen öffnen und uns bewusst machen, dass wir belogen werden. Wie anfangs beschrieben, ist das aber keine Neuigkeit. Wir wissen das. Und trotzdem beginnen wir zu sabbern, wenn wir auf einem riesigen Werbeplakat einen „1955 Burger“ oder einen „Big King“ sehen. Unser Gehirn sagt: „Ja, gib‘ mir das! Gib‘ mir viel davon!“ Obwohl wir die Tricks der Werbeindustrie kennen und es besser wissen, fallen wir darauf rein bzw. lassen uns verführen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen „Wir wollen belogen werden.“ So lange die Lüge uns ein positives Gefühl gibt und unser Gewissen beruhigt, hören wir sie gerne. Mit dem energieeffizientesten Auto fährt es sich gleich viel angenehmer und mit dem besten Waschmittel, das es je gab, wäscht es sich gleich viel reiner. Generell wissen wir, dass Werbung lügt, trotzdem glauben wir ihr, weil sich die Lüge gut anfühlt. Im Privaten ist das nicht anders. Wird ein Mann von seiner Partnerin gefragt, ob sie die Schönste ist, tut er im Regelfall gut daran, dies schnell und überzeugend zu bejahen. Am besten sagt er es ihr, noch bevor sie danach fragt. Eigentlich weiß die Frau, dass sie neben einem Supermodel relativ blass und dick aussieht, aber trotzdem freut sie sich, wenn sie hört, dass sie die Schönste ist. Lüge hin oder her.

 

Auch im Social Media Marketing wird gelogen.

Und das ist auch gut so! Ein Video von einem übergewichtigen, aus allen Poren schwitzenden Opernsänger im Feinripp, der gerade von einem alkoholisierten Regisseur zusammengestaucht wird, auf dem Blog zu zeigen, wäre zwar ehrlich und authentisch, die Frage ist nur „Lockt man damit Besucher an?“.  Nein, und deshalb darf ein Social Media Manager auch kein Paparazzi sein. Man sollte sich also von dem Gedanken verabschieden, dass ein Blick hinter die Kulissen die Realität zeigt. Maximal werden Ausschnitte aus der Realität gezeigt. Sollen verschwitzte Schauspieler abgelichtet und die Fotos im Blog präsentiert werden, tut die Marketingabteilungen gut daran, eher die jüngeren, durchtrainierten zu nehmen – auch wenn die keineswegs repräsentativ sind. Das ist Werbung! Je nachdem, wie man „Lüge“ definiert, wird auch hier gelogen (oder eben „nur“ das Unschöne nicht gezeigt). Ganz wie auf einem Familienfest, bei dem sich alle schrecklich streiten, jedoch für das Familienfoto still stehen und ihr Kellnerlächeln aufsetzen. Warum das gemacht wird? Weil, um es mal mit den Worten der BILD zu formulieren, nichts härter ist, als die Realität. Und das wird sich auch zukünftig nicht ändern. Also verabschieden wir uns besser von Social Media als dem Wahren, Guten und Schönen.

 

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager und Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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