Das Dossier in der letzten Ausgabe der ZEIT stand unter dem Titel „Der Kulturkampf“ und in der Unterzeile wird die Frage aufgeworfen „Müssen Städte wie Flensburg ein Operhaus haben?“. Eine unglückliche Wortwahl, denn „müssen“ tut man im Hinblick auf die Kulturförderung nichts. Die Frage ist vielmehr: Sollten Städte wie Flensburg ein Opernhaus haben? Meine Antwort lautet nein. Das heißt nicht, dass ich für eine Kürzung des Kulturetats bin – aber für eine Umverteilung!

Zahlen und Fakten

Laut der ZEIT gibt es in Deutschland 84 Opernhäuser, weltweit sind es 560. Damit ist jedes siebte Opernhaus auf der Welt ein deutsches. Das ist ein kostspieliges Vergnügen, denn die Oper ist die teuerste Kunstform von allen, eine „Monstersau“ wie ein Techniker eines Staatstheaters sie bezeichnet. Wie viel die Oper kostet, kann man nicht genau beziffern, da nur die wenigsten Häuser reine Opernhäuser sind (meist handelt es sich um Mehrspartentheater). Um dennoch ein paar Zahlen zu nennen: Die Dresdner Semperoper erhielt laut dem Deutschen Bühnenverein in der Spielzeit 2007/2008 rund 34 Millionen, die Oper Leipzig 39 Millionen und die Bayerische Staatsoper 51 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen. Laut der ZEIT sahen in derselben Spielzeit rund 4,4 Millionen Menschen mit einem Durchschnittsalter von 57 Jahren 6.500 Opernvorstellungen. Die Angabe, dass acht Prozent der Bevölkerung regelmäßige Opernbesucher seien, ist beschönigt, denn das wären in Deutschland über 6,5 Millionen Menschen (oder heißt regelmäßig einmal im Jahrzehnt?). Insgesamt werden die 145 deutschen Theater jährlich mit über 2,5 Milliarden Euro subventioniert, das sind über 30 Prozent der gesamten Kulturausgaben. Zum Vergleich: die über 6.000 Museen in Deutschland erhalten ca. 1,4 Milliarden Euro an Subventionen und verzeichnen deutlich mehr als 100 Millionen Besucher.

Das Problem: Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle haben vor kurzem in einer Pressemitteilung verlautet: „Wir sind uns völlig einig, dass wir eine gemeinsame Verantwortung tragen, um die in Jahrhunderten gewachsene kulturelle Infrastruktur in Deutschland auch für kommende Generationen zu bewahren.“ Das heißt nichts anderes als: Hochkultureinrichtungen werden auch zukünftig am Leben gehalten. Künstlerisch gehen von diesen aber nur wenig neue Impulse aus. In dieser Hinsicht bietet erneut die Oper eine große Angriffsfläche: „Als elitär und verstaubt gilt sie, anders als das Schauspiel, das mit neuen Stücken und Inszenierungen oft einen Nerv trifft, die Dresdner Weber mit ihrem Hartz-IV-Chor waren so ein Beispiel“ (ZEIT).
Auch für das Städte-Marketing sind andere Kulturbereiche wichtiger. Warum ist eine Stadt wie Berlin denn so sexy? Warum ist sie gerade bei jungen Leuten so beliebt? Doch nicht, weil es hier drei Opern gibt, sondern weil die Stadt vor Kreativen und künstlerischen Projekten sprüht.
Sieht man sich die Kulturausgaben nach Sparten an (die sich seit 2005 nur unwesentlich verändert haben dürften), stellt man fest, dass lediglich 11 Prozent des Kulturetats auf die „sonstige Kulturförderung“ entfallen. Darunter fällt neben der kulturellen Filmförderung und der Literaturförderung alles – und das heißt wirklich ALLES – was irgendwie neu ist, was die Kunst vorantreibt, was die kulturelle Vielfalt fördert, wo Menschen partizipieren können und was Städte spannend macht: die Soziokultur, die Off-Kultur, die freie Theater-, Tanz- und Performanceszene, die Offspaces, Kunst im öffentlichen Raum, Digitale Kunst, Crossover-Projekte, kulturelle Bildungs- und Migrationsprojekte etc.
Wie sich zeigt, kommen die jungen Wilden zwar auch ohne oder mit geringer staatlicher Kulturförderung aus, allerdings leben viele von ihnen schon jetzt in prekären Verhältnissen und wenn sie erstmal in Rente sind, blüht ihnen die Altersarmut (siehe taz-Artikel). Das bedeutet, dass die Kulturausgaben zukünftig entweder steigen oder anders verteilt werden müssen. Ersteres wäre natürlich der Idealfall, in Anbetracht der maroden Staatskassen ist das leider nicht realistisch.

Die Oper schafft sich nicht selbst ab.

Jemandem etwas wegzunehmen ist schwieriger als jemandem etwas erst gar nicht zu geben. So haben sich viele freie Künstler und Kreative wohl bereits damit abgefunden, dass für ihre Projekte nur wenig Fördergelder zur Verfügung stehen. Das macht die Sache allerdings nicht gerechter. Doch wer ändert was daran? Wer getraut sich überhaupt, was zu sagen? Wie heißt es so schön: das Theater ist ein Menschenhaus. Und wo Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten, da zeigt man sich solidarisch, da wird demonstriert und Lärm gemacht. Das ist verständlich, denn wer verliert schon gerne seinen Arbeitsplatz? Weil eine Kultureinrichtung in der Regel auch gute Kontakte zu Journalisten pflegt (Stichwort: Medienpartnerschaft), können schließungswillige Politiker mit weiterem Gegenwind von Feuilletonisten und deren Leser rechnen. Das Publikum des jeweiligen Opernhauses sowie Lieferanten und Auftragnehmer dürften aus wirtschaftlichen Gründen eine Schließung ebenfalls nicht befürworten (Aufträge adieu!). Welche Partei und welcher Politiker tut sich das also an? Zumal eine Schließung auch kompliziert ist und in den ersten Jahren nur geringe Ersparnisse einbringt. Ein Großteil der Verwaltung ist schließlich verbeamtet. Will man ein Theater oder eine Oper tatsächlich dicht machen, muss die Stadt wissen, wohin mit den Beamten. Denn deren Einkommen müssen weitergezahlt werden, egal ob gespielt wird oder nicht.

Kürzungen im Kulturhaushalt können den Haushalt nicht sanieren.

Dass Politiker den Rotstift gerne bei der Kultur kürzen, ist verständlich, denn sie gehört nicht zu den Pflichtaufgaben. Allein es bringt nicht viel. Denn so mächtig sich die 8 Mrd. Euro Kulturausgaben auf den ersten Blick anhören, so klein sind sie im Verhältnis zu den anderen Ausgaben des Staates. So liegt der deutsche Haushaltsetat 2011 bei 307,4 Mrd. Euro und allein die Bundeswehr wird den Steuerzahler 31,5 Mrd. Euro kosten – knapp vier Mal so viel wie die gesamte Kultur. Kurzum, der Haushalt lässt sich über eine Kürzung des Kulturbudgets keinesfalls konsolidieren. Es wäre auch nicht besonders schlau, denn Deutschland ist ein Kulturstaat. Zukünftig wird Deutschland mehr denn je von Bildung, Forschung und Kultur leben. Und eben weil diese Bereiche so wichtig sind, darf das Kulturbudget nicht sinken (eine Stagnation, was real/inflationsbedingt einer Kürzung gleichkommt ist bereits schlimm genug). Über eine Umverteilung – so unbequem und schwierig sie auch sein mag – führt meines Erachtens jedoch kein Weg vorbei. Sicherlich, die Oper hat als Kunstform durchaus eine Berechtigung und ich bin auch der Meinung, dass eine Stadt wie Berlin sogar zwei Opernhäuser braucht (mit klaren Positionierungen: eine für das klassische und eine für das moderne Repertoire), aber warum braucht Deutschland 84 Opernhäuser? Würde nicht vielleicht auch die Hälfte reichen? Wäre das Geld anderweitig nicht besser aufgehoben? Man kann lange darüber streiten, was „besser“ ist, aber die Verhältnismäßigkeit innerhalb der Kulturförderung scheint nicht mehr zu stimmen. Die Oper ist teuer, gleichzeitig schwindet der Zuspruch seitens der Bevölkerung und auch künstlerisch bietet sie nicht viel Neues. Warum also klammert man sich in Deutschland so zwanghaft an sie? Die deutsche Kulturlandschaft wird jedenfalls mit der Schließung einiger Opern nicht untergehen. Im Gegenteil, vielleicht kommt es dadurch sogar zu einem Opern-Revival. Vielleicht wird die Oper, wenn sie eben nicht mehr überall verfügbar ist, wieder zu einem besonderen Gut, das von der Bevölkerung auch als solches wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Es wäre jedenfalls schön zu sehen, wenn die Opernhäuser auch abseits von Premieren und Aida, Nabucco und La Traviata ausverkauft wären. So böse das auch klingt, aber von der Schließung einiger Opernhäuser könnten andere tatsächlich profitieren. Nicht zuletzt könnte langfristig auch Deutschland davon profitieren. Denn wie wird man über die Kultur in Deutschland in 100 Jahren reden, wenn hierzulande nur noch bewahrt, gepflegt und erhalten wird? In der Vergangenheitsform? So wie über die griechische Kultur heutzutage geredet wird? Hoffentlich nicht!

P.s. Im Prinzip hat Armin Klein das (und vieles mehr) bereits 2007 in seinem Buch „Der exzellente Kulturbetrieb“ beschrieben.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

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    Hagen

    Ich finde es ehrlich gesagt ok, dass die Oper eine museale Kunstform ist, man sollte nur nicht krampfhaft versuchen, was anderes hinein zu interpretieren.
    Wenn das Theater wirklich eine „moralische Anstalt“ wäre (dieser schreckliche Begriff ist immer noch erstaunlich weit verbreitet), dann wäre unsere Gesellschaft arm dran, da ja nur 8% daran teil hätten.

    Vielleicht wäre die vielbemühte Formel des Förderns und Forderns eine Lösung frü die Subventions-Misere. Warum kann man nicht von einem Intendanten verlangen, dass er die gesellschaftliche Relevanz seines Hauses ebenso wie sein künstlerisches Konzept klar formuliert und sich beständig daran messen lässt?

    Wer vor sich hinwurschtelt und mit mittelmäßigen Regisseuren klüngelt, der soll auch weniger Subventionen bekommen. (Muss denn ein „Opernhaus Halle“ zwölf Premieren pro Spielzeit haben?)

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    Axel Kopp

    Erstmal Danke für den Kommentar!
    Wenn man quasi „gesteht“, dass die Oper eine museale Kunstform ist, dann stellt sich halt die Frage, warum Deutschland so viele „Opernmuseen“ braucht – vor allem um diesen Preis!

    Zum Thema „Geld sparen durch weniger Premieren“: Würde mich ja interessieren, welche Auswirkungen ein solches Vorgehen hat bzw. wie viel Geld sich dadurch tatsächlich einsparen lässt, denn der „Apparat“ muss ja trotzdem finanziert werden. Aber da fehlt mir ganz ehrlich die Expertise, um das beurteilen zu können. Im Fall von Halle würde ich ganz klar sagen, dass die Opernliebhaber auch die 40 km nach Leipzig auf sich nehmen könnten. Würde man das Opernhaus schließen, könnte man mit dem gesparten Geld den Hallensern und Hallunken einen kostenlosen Shuttle-Service einrichten und ihnen besondere Ticketangebote machen. Wer würde davon profitieren? Erstens die Oper Leipzig, zweitens die Hallenser Künstler (sofern das Geld in der Kultur bleibt), drittens die Hallenser Bürger, die in den Genuss von anderen Kunstformen kommen und viertens die Stadt selbst, die sich dadurch besser positionieren, also von anderen Städten abheben kann.

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