So allgegenwärtig das Wort „App“ ist, könnte man leicht auf die Idee kommen, dass man auch als Kultureinrichtung unbedingt eine braucht. Zumindest, wenn man cool sein will. Doch bevor man sich eine App programmieren lässt, sollte man sich überlegen, was damit erreicht werden soll. Und vor allem sollte man sich fragen, ob es nicht schlauer wäre, sich erstmal eine mobile Website zuzulegen oder zumindest die eigene Website für Smartphones und Tablets zu optimieren. Auch wenn das nicht so cool klingt.

Was wollen wir erreichen?

Das „versus“ in der Überschrift ist etwas reißerisch, denn es ist ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich, da Apps und mobile Websites unterschiedliche Ausrichtungen haben. Laut Dorian Ines Gütt, sind die Ziele von Museum-Apps: „Aufmerksamkeit museumsferner Zielgruppen, Neugier wecken, spielerische Vermittlung von Inhalten“. Die Ziele von mobilen Websites seien hingegen: „Besucherinformationen anbieten, besonders interessierten Personen Zusatzinformationen anbieten“ (siehe Präsentation zur Mai-Tagung 2011). Obwohl ich bezweifle, dass „museumsferne Zielgruppen“ sich Museums-Apps herunterladen, würde ich Ines in den sonstigen Punkten zustimmen. Für die Theaterbranche gilt wohl ähnliches, darüber hinaus sollte auch der Ticketkauf möglich sein. Trotz der unterschiedlichen Auslegungen, werden sich Kultureinrichtungen in der Praxis zunehmend die Frage stellen, ob man eine App, eine mobile Website oder keins von beidem haben möchte. Manche haben diese Frage schon für sich beantwortet.

Momentaufnahme: keine mobilen Website, höchstens eine iPhone-Apps

Ich habe eine ganze Reihe an deutschen Theatern und Museen mit meinem HTC Desire „abgesurft“ und festgestellt, dass bis auf das NRW-Forum (Respekt!) und das Oberschlesische Landesmuseum (preisgünstig…) keine Einrichtung eine mobile Website hatte. Auch Häuser mit eigener iPhone-App wie etwa das Theater Nordhausen, das Thalia Theater das Theater Erfurt, das Museum der bildenden Künste Leipzig, das Museum Ludwig oder die Kunsthalle Hamburg haben keine mobile Website. Bei Theatern, die das Ticketing-System von Eventim benutzen (das sind fast alle großen Häuser!), konnte ich mit meinem HTC auch keine Karten kaufen, da die entsprechende Java-Applikation von meinem Smartphone nicht angezeigt wird. Ohnehin spielt Android für deutsche Kultureinrichtungen anscheinend keine Rolle. So gibt es meines Wissens keine Android-App eines deutschen Museums oder Theaters. In Anbetracht dessen, dass in den USA bereits mehr Androids als iphones verkauft werden und sich für den deutschen Markt dasselbe anbahnt, ist das haarsträubend. Bereits im Januar hat Michael Müller die iPhone-Konzentration für den Museumsbereich beklagt: „Mit ihren Apps erreichen Museen zur Zeit ohnehin nur den relativ geringen Anteil (ca. 5-20%) des Publikums, die über ein Smartphone verfügen. Wird dann auch noch ein großer Anteil der Smartphone-Besitzer frustriert, weil sie das ‚falsche‘ Smartphone besitzen, stellt sich die Frage, ob die Investition in eine iPhone-App, gerade auch unter PR- und Marketing-Gesichtspunkten noch lohnt.“ (siehe Artikel „Museums-Apps nur fürs iPhone?“) Und das wirft denn auch die Frage nach den Pros und Cons von Apps auf.

App vs. mobile Website

Vor- und Nachteile von Apps und mobilen Websites findet man im Netz reichlich. Empfehlen kann ich die Artikel von Lisa-Marie Leitner, Michael Heugl, DudaMobile (engl.) und Sachendra Yadav (engl.). Hier eine Zusammenstellung :
Vorteile von Apps:

  • höherer Gestaltungsfreiraum, bessere User Experience
  • schnellere Ladezeit (wichtig bei Spielen und Multimedia-Inhalten)
  • voller Zugriff auf Hardware-Komponenten wie Sensortechnik, GPS und Kamera
  • Inhalte sind offline verfügbar

Vorteile von mobilen Websites:

  • plattformübergreifend -> günstiger als die Entwicklung versch. Apps für iOS, Android und Windows Mobile
  • kein Download, keine Installation -> sofortige Verfügbarkeit, höhere Reichweite
  • Updates sind für alle Nutzer sofort sichtbar
  • Inhalte über Suchmaschinen auffindbar

Reicht eine normale Website nicht?

Die preisgünstigste Variante ist natürlich, alles so zu lassen wie es ist. Das Totschlag-Argument lautet ja immer „Und wie viele Karten verkaufen wir dadurch mehr?!“. Tatsächlich wird der Umsatz durch die Entwicklung einer mobilen Website wahrscheinlich nicht rapide steigen, aber dieser Denkansatz ist grundlegend falsch. Denn theoretisch tut’s eine zehn Jahre alte Website auch noch, Sitzgelegenheiten im Museum braucht man nicht und wenn’s auf der Theatertoilette komisch müffelt, dann ist das halt so. Imagefördernd ist so eine Denkweise allerdings nicht und für die Sponsorensuche ist sie abträglich. Denn wer unterstützt schon eine verstaubte Kultureinrichtung?! Und eben deshalb sollten Kultureinrichtungen ihre Chance (!) nicht verspielen und sich schon frühzeitig mit dem Thema mobile Marketing auseinandersetzen. Für Tablets taugen meines Erachtens zwar auch normale Websites, da die Bildschirmauflösung mittlerweile hoch ist und sich auf 7 bis 10 Zoll die meisten Websites gut darstellen und ordentlich bedienen lassen, für Smartphones hingegen halte ich mobile Websites für unabdingbar. Das ständige Rein- und Rauszoomen nervt (und zwar nicht nur mich).

Fazit

Unterm Strich ist es eine Frage der Gewichtung und jede Kultureinrichtung muss selbst wissen, was für sie bzw. ihr Publikum wichtig ist. Als Anwender bin ich der Meinung, dass eine mobile Website mittlerweile ein Must-Have und eine App ein Nice-to-Have ist. Schaut man sich Web-Statistiken von Theater-Websites an, so klicken die meisten Besucher auf den Spielplan bzw. die einzelnen Veranstaltungen, den Ticketkauf und den Service-Bereich. Auch im Museumsbereich entfallen 80, 90 Prozent der Klicks auf fünf, sechs Seiten. Ich denke, dass es zum guten Ton von Kultureinrichtungen gehört, zumindest diese Basis-Infos so aufzubereiten, dass sie auch auf mobilen Endgeräten schnell und unkompliziert abgerufen werden können. Wenn kein Geld da ist, darf es ruhig auch eine preiswerte Variante sein wie im Fall des Oberschlesischen Landesmuseums.
Besonders in Anbetracht der rapide steigenden Verkäufe von Smartphones und Tablets ist es meiner Meinung nach angemessen, hier schnell tätig zu werden. Sämtliche Studien und Marktanalysen sind sich einig, dass die Entwicklung eindeutig in Richtung „mobile“ geht. Worauf warten die Kultureinrichtung also noch?!

Update vom 24.07.2011:

Das Kunstmuseum Stuttgart hat auch eine mobile Website.

Update vom 01.08.2011:

Das Kunstmuseum Stuttgart hat ebenfalls eine.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager und Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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