Kultureinrichtungen wollten ihre Social Media Aktivitäten eigentlich dazu nutzen, um neue Zielgruppen anzusprechen und ihre Reichweite zu erhöhen. Es ging primär um die Frage, wie sich via Social Media Marketing der Umsatz steigern lässt. Mittlerweile hat man festgestellt, dass das ein sehr schwieriges Unterfangen ist, weshalb diverse Social Media Experten raten, die monetären und quantitativen Ziele eher hintenanzustellen und stattdessen die Kulturvermittlung in den Vordergrund zu rücken. Schließlich werden Kultureinrichtungen ja aufgrund ihres Bildungsauftrags unterstützt. Und je mehr Leute im Social Web sind und je mehr Zeit sie dort verbringen, desto mehr sind die Kultureinrichtungen gefordert, dort Bildungsangebote anzubieten – so die Argumentation. Doch wo fängt kulturelle Bildung 2.0 an? Und wie soll sie aussehen?

Kulturvermittlung als Marketingstrategie?

Kulturvermittlung und Marketing sind miteinander verwoben, verfolgen aber unterschiedliche Primärziele und sind deshalb zunächst einmal zu unterscheiden. Kulturvermittlung kann aber dem Marketing dienlich sein, weshalb ich diese Frage letztlich mit „Jein“ beantworten würde. Nein, weil Marketing Geld bringen soll, wohingegen bei Kulturvermittlung der Bildungsaspekt im Vordergrund steht (und ein finanzieller Verlust in Kauf genommen wird). Ja, weil gutes Marketing sich nicht in Werbung/PR erschöpft und weil gute Kulturvermittlungsangebote sowohl der Kundenbindung wie auch der Kundengewinnung dienen (z.B. über Mundpropaganda). Ohnehin wird der Begriff Marketing eigentlich wesentlich weiter gefasst.

Was ist „kulturelle Bildung“ und Kulturvermittlung?

Den Begriff „kulturelle Bildung“ in zwei, drei Sätzen zu definieren, ist schwierig. Sowohl für Karl Ermert wie auch für die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, deren Definition sich auf drei Dimensionen erstreckt:

  • Kulturelle Bildung ist Allgemeinbildung, die es jedem Menschen ermöglichen soll, sich zu entfalten, an der Gesellschaft teilzuhaben und die Zukunft aktiv mitzugestalten.
  • Kulturelle Bildung ist lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen mit den Künsten.
  • Kulturelle Bildung bezeichnet die Gesamtheit aller Gelegenheiten, Orte, Formen und Strukturen, in denen eine kreative Auseinandersetzung mit Spiel, Bildender Kunst, Musik, Theater, Medien, Tanz, Literatur und vielem mehr angeregt wird. (vgl. Imagebroschüre der BKJ, S. 8 f.)

„Kulturvermittlung“ lässt sich – zumindest laut der Wikipedia-Definition – enger fassen. Demnach handelt es sich um „Vermittlung von Kultur, also kulturelle Erziehung, die Förderung und Verbreitung von Kulturgut“.
Diese beiden Definitionen beinhalten noch keine Qualitätsaussagen, sondern zeigen nur den Rahmen auf, in dem kulturelle Bildung bzw. Kulturvermittlung stattfindet. Da dieser recht groß ist, können sich Kultureinrichtungen leicht auf ihre kulturvermittelnden Tätigkeiten beziehen, schließlich reicht es, wenn sie Kulturgut verbreiten.

Archive öffnen, Informationen online stellen

Nach obiger Definition kann man sagen: Online-Kulturvermittlung beginnt bei der Bereitstellung von Informationen. Das bedeutet, dass auch Wikipedia Kultur vermittelt. Genauso wie das Project Gutenberg mit seinen über 36.000 kostenlosen Büchern. Bezeichnend übrigens, dass im deutschen Pendant das Herunterladen kompletter Texte nur mit Einschränkungen möglich ist, da die Firma Hille+Partner sog. immaterielle Monopolrechte hält.*Kopfschüttel*
Kultureinrichtungen verhalten sich bei der Veröffentlichung von Informationen im Allgemeinen recht behäbig. Rechtliche Probleme und finanzielle Hürden sind nicht von der Hand zu weisen, allerdings scheinen mir diese mitunter vorgeschoben. Ich frage mich schon: Haben Theater überhaupt ein Interesse ihre aufgezeichneten Inszenierungen online zu stellen? Sehen Museen in der Veröffentlichung von neuen Katalogen nur die Mehrarbeit für sie, nicht aber den Mehrwert für die Besucher?
Es gibt aber auch Löbliches: so macht es die Europeana möglich, „die digitalen Bestände in Europas Museen, Bibliotheken, Archiven und audio-visuellen Sammlungen zu erkunden“. Doch da man diese digitalen Bestände meist im Thumbnail-Format erkunden muss, leidet die gute Grundidee unter schlechter Umsetzung. Eine Frage, die sich mir auch stellt: Hätte man die Daten nicht auch auf Wikipedia einpflegen können? Beim Google Art Project kann man sich über eine schlechte Auflösung wahrlich nicht beklagen. Doch erstens werden hier nur sehr wenig Werke gezeigt und zweitens verflüchtigt sich nach ein paar Minuten des Staunens das Interesse, denn es fehlt die Interaktivität.

Virtuelle Museen

Schon seit einigen Jahren wird versucht, Museen virtuell begehbar zu machen. Das größte Projekt war vermutlich der Nachbau der Gemäldegalerie Alte Meister in Second Life im Jahr 2007. Ein Projekt, das dieses Jahr eingestellt wurde. Ersetzt wurde sie von der Online Collection. Vorbild dabei war wohl das Brooklyn Museum. Ein noch recht junges Projekt sind die Haller ZeitRäume. Die Besonderheit: Das Museum existiert ausschließlich virtuell. Mit 3D wird in der Museumslandschaft weiterhin experimentiert, z.B. vom Louvre oder vom Deutschen Diabetes Museum.

Zwischenfazit

Egal ob 2D oder 3D, was mir bei den ganzen Online-Collections fehlt: der Spaß. Auch wenn die Digitalisierung der Werke der erste Schritt ist, so frage ich mich, wie lange es noch dauert bis Museen Spiele oder sonstige Angebote entwickeln, hinter denen eine gute Story steckt. Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck, aber bislang kann ich den virtuellen Museen nicht viel abgewinnen. Sie sind alle mehr oder weniger hübsch und ganz nett, aber auch langweilig. Wer geht denn schon freiwillig auf Europeana.eu, um sich Kulturgüter anzuschauen. Kunstgeschichte-Studenten und ein paar andere Leute mit wissenschaftlichem Interesse, aber sonst?
Ein spielerischer Ansatz kommt von ARTigo, eine Website auf der man Tagging-Spiele machen kann. Die Spielidee ist simpel und lautet: Gemälde verschlagworten auf Zeit. Spaßfaktor auf einer Skala von 1 bis 10: 2. Es ist doch ein ziemlich nerdiges Angebot, das hier geschaffen wurde. Apropos Angebote, gibt es von Theatern überhaupt welche?

Im zweiten Teil geht es um kulturelle Bildung 2.0 und die Frage wie Kultureinrichtungen YouTube, Facebook, Twitter & Co. zur Kulturvermittlung nutzen (können).

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager und Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

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    Ulrike Schmid

    Der Artikel kommt ja wieder mal passend. Befasse mich gerade wieder intensiver mit dem Thema, insbesondere mit dem Aspekt der Kulturvermittlung durch PR – und Social Media sind für mich nur ein Teil davon.

    „Nach obiger Definition kann man sagen: Online-Kulturvermittlung beginnt bei der Bereitstellung von Informationen.“ Das mag ein erster Schritt sein, ich denke allerdings Kulturvermittlung fängt dann an, wenn tatsächlich Kultur vermittelt wird, also indem man etwa mittels Hintergrundberichten (welcher Art auch immer)zum besseren Verständnis von Kunst beiträgt.

    Die Wikipedia-Definition ist aber sehr dünn. 😉

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    Axel Kopp

    @Ulrike: Da bin ich mal auf deinen Artikel gespannt. Vor Ende der Woche komm ich nicht dazu, den zweiten Teil zu veröffentlichen. Du hast also noch Zeit, mir die Leser wegzuschnappen 😉

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    Ulrike Schmid

    @Axel Meine Beschäftigung wird in einen Vortrag münden. Es besteht also keine Gefahr, dass ich dir Leser wegschnappe. Würde ich sowieso als Ergänzung sehen und nicht als „Konkurrenz“.
    Abgesehen davon habe ich jüngst schon einen Beitrag zur transmedialen Kulturvermittlung geschrieben.;-)

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