Das Social Web bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Interaktion, zum Dialog und zur Partizipation – und damit ideale Voraussetzungen für kulturelle Bildung übers Internet. Kultureinrichtungen können sich eigene Mitmach-Plattformen erstellen, wie es das Städel bereits 2008 mit seiner Städel-Community getan hat, und sie können bestehende Plattformen wie Facebook, Twitter und YouTube zur Kulturvermittlung nutzen. Bislang regiert zwar vielerorts noch die Werbung, aber nicht überall. Hier einige Best Practice Beispiele.

Online-Kurs in Kunstgeschichte

Sind Sie ein Kulturbanause? Wollen Sie das ändern? Dann nichts wie ab zum Online-Kurs des MoMA. Momentan werden die Kurse „Materialien und Techniken der abstrakten Kunst in der Nachkriegszeit“ und „Moderne Kunst zwischen 1880 und 1945“ in zwei Versionen (mit und ohne Lehrer) angeboten. Kostenpunkt für einen Kurs mit zehn Sitzungen: bis zu 350 US-Dollar. Das klingt viel, für die Zielgruppe scheint der Preis aber akzeptabel: zwei von vier Kursen sind ausverkauft. Diese Form von E-Learning ist nicht neu. Bereits 2008 wurde an der FU Berlin „in dreißig multimedialen Lektionen (…) die Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen gelehrt. Diverse Kurse der Yale University gibt es sogar kostenfrei auf YouTube. Neu ist an dem Angebot der MoMA nur, dass es von einem Museum kommt. Zumindest in Deutschland beschränken sich die Museen bislang auf „Offline-Kurse“.

Bildende Werbung und werbende Bildung

Dass sich Werbung und Bildung gut vertragen, zeigt derzeit die Online-Kampagne von Niedersachsen. Auf Bannern halten Professoren dreiminütige Vorlesungen zu den verschiedensten Disziplinen und werben damit für Niedersachsen als Studien-Bundesland. Das sind freilich nur Bildungshappen und keine echten Bildungsangebote. Meines Erachtens ist es dennoch ein guter Ansatz, über Werbung Inhalte zu vermitteln (und nicht nur Werbebotschaften).
In eine ähnliche Richtung gehen oft auch die YouTube-Videos von Museen. Die Grenze zwischen PR, Werbung und Kulturvermittlung wird dabei aufgehoben. Einerseits geben die Museen Hintergrundinformationen zu Ausstellungen, Objekten und Künstlern, andererseits machen sie Lust auf einen Besuch vor Ort. Hier ein Beispiel des Städel Museums:

Die Videos des Städels sind alle kurz, was wohl zwei Gründe hat: erstens sind hochwertige Videos teuer, zweitens werden auf YouTube kurze Filmchen häufiger geschaut. Das meist aufgerufene über 20-minütige Video eines Museums ist momentan der Vortrag „Sex Trafficking and the New Abolitionists“ des Brooklyn Museums mit rund 35.000 Aufrufen (hochgeladen am 28.4.2010). Dass es ausgerechnet ein Video mit dem Wort „Sex“ im Titel ist, ist wohl kein Zufall. Die Frage, wie viele YouTube-Nutzer sich das Video komplett angeschaut haben, steht auf einem anderen Blatt.
Nichts gegen das Abfilmen von Vorträgen (TED macht das ausgezeichnet), aber meiner Meinung nach müssen Nutzer bei den über 20-minütigen Videos der Museen derzeit schon sehr viel Interesse für das entsprechende Thema mitbringen, um nicht einzuschlafen. Zum Diskutieren oder Mitmachen laden die Videos auch nicht ein. YouTube als „2.0-Plattform“ wird also für „1.0“-Inhalte benutzt.
Das gilt zwar auch für die Master Class Videos der Berliner Philharmoniker, der Unterschied ist aber, dass diese eigens für das Internet produziert wurden und sich die jeweiligen „Meister“ direkt an die Nutzer richten. Obwohl es sich um ein Special Interest Thema handelt und die Wissensvermittlung eindeutig im Vordergrund steht, wurde das nachfolgende Video schon über 93.000 Mal angeklickt (hochgeladen am 11.10.2010). Die Werbeeffekte können sich also sehen lassen.

Erfolg auf YouTube ist nicht unbedingt eine Frage des Budgets. Die 119 Videos des Miniatur Wunderlands wurden insgesamt schon über 21 Mio. Mal aufgerufen. Erfolgsfaktor Nr. 1 ist hierfür Gerrit Braun, der Mitbegründer und Geschäftsführer des Miniatur Wunderlandes, der komplexe Inhalte hervorragend und sympathisch erklären kann. Erfolgsfaktor Nr. 2 heißt Partizipation. Vorbildlich nutzt Gerrit die Möglichkeiten des Social Webs, indem er auf die Fragen der Nutzer eingeht und in seinen Videos beantwortet. Hier ein Beispiel:

Crossmediale Kulturvermittlung am Beispiel des NRW-Forum
Texte, Bilder, Audioaufnahmen und Videos können auf mehreren Social Media Kanälen veröffentlicht werden, weshalb man nur schwer von „Kulturvermittlung via Facebook“ oder ähnlichem sprechen kann. Das NRW-Forum hat beispielsweise zur Eröffnung der Frontline-Ausstellung eine Blogger-Pressekonferenz über einen Google+-Hangout durchgeführt, die live gestreamt wurde und bei der sich Nutzer über Chat, Facebook oder Twitter an der Diskussion beteiligen konnten. Diese „virtuelle interaktive Talkshow“ wurde wiederum aufgezeichnet, auf Soundcloud hochgeladen und als Podcast in einen Blogbeitrag eingebettet. Crossmedia in Perfektion! An diesem Beispiel zeigen sich in nuce auch die Möglichkeiten von Social Media für die Kulturvermittlung. Da die Organisation einer solchen crossmedialen Veranstaltung aufwendig und kostspielig ist, sind Kooperationen viel wert. Das NRW-Forum hat für die genannte Blogger-Konferenz mit dem Medienmagazin „Was mit Medien“ zusammengearbeitet.
Für den Frontline-Trailer hat das NRW-Forum wiederum mit dem Institut für Kunstdokumentation und Szenografie (IKS) kooperiert, das im NRW-Forum ansässig ist und auch für andere Einrichtungen Filme dreht, z.B. für das Museum Folkwang und das Museum Ludwig. Nach eigener Aussage bietet das IKS „als einzige Institution in Deutschland (…) einen Brückenschlag zwischen Dokumentation, Vermittlung und Kunstmarketing.“ Über die Preise für die Arbeiten des privaten IKS kann ich nur spekulieren, würde aber vermuten, dass sie deutlich unter den marktüblichen liegen. Eben weil Kooperationen viel wert sind und kleine Kultureinrichtungen nur wenig Zeit- und Geldressourcen haben, lautet mein Appell: Sucht den Kontakt zu den FHs und Unis! Es gibt genügend Studenten in den Bereichen Mediendesign, Filmproduktion und Journalismus, die Inhalte für ihre Semesterarbeiten brauchen und sehr günstig sehr gute multimediale Inhalte erstellen.

Die kleine Lösung: Bebilderte Texte

Nicht alle Kultureinrichtungen haben einen wie Gerrit Braun in ihren Reihen und auch nicht alle werden obigen Appell umsetzen können (z.B. weil sie fernab der Zivilisation gelegen sind). Bebilderte Texte stellen deshalb die kleinste Lösung für Kulturvermittlung dar. Wichtig ist meines Erachtens eine gut konzipierte Geschichte, welche die Blogbeiträge verbindet, so dass die einzelnen Episoden Teil eines Ganzen sind. Ähnlich wie bei TV-Serien, bei denen jede Folge eine abgeschlossene Geschichte darstellt, die eingebettet ist in ein Gesamtkonzept. Da ich im Kulturbereich leider kein Best Practice Beispiel gefunden habe, empfehle ich Kerstin Hoffmanns 19-teiligen Online-Workshop „Neue Website“. So etwas!

Kulturvermittlung auf 140 Zeichen

Auf Twitter fällt Kulturvermittlung naturgemäß kurz aus. Immerhin haben Museen hier schon aktiv den Dialog zu den Nutzern gesucht. Beim ersten weltweiten „Ask a Curator“-Tag vor einem Jahr konnten die Twitteristi Fragen an Kuratoren von 16 teilnehmenden Museen in Deutschland stellen. Die Idee dieses Frage-Antwort-Spiels ist gut, die Anzahl der Teilnahmer hielt sich jedoch in Grenzen. In Deutschland wurden nur rund 200 Tweets mit dem Hashtag #askacurator versendet.
Das Museum für Kommunikation Frankfurt hat damals Trick 17 angewandt: Da sich nur die wenigsten Fragen mit 140 Zeichen adäquat beantworten ließen, hat es auf Facebook eine öffentlich einsehbare Unterseite für längere Antworten eingerichtet.

Und was ist mit Communities?

Eingangs habe ich die „Mein Städel“-Community erwähnt, die zwar derzeit nicht erreichbar ist, aber laut Auskunft des Städel Museums bald wieder online gehen wird. Bei mir persönlich hält sich die Begeisterung für Museums-Communities bislang in Grenzen gehalten. Die Idee eine persönliche Galerie zusammenzustellen finde ich ganz nett, sie animiert mich aber nicht, mich dort mehrmals pro Monat einzuloggen – weder beim Städel noch beim Brooklyn Museum. Auch abseits vom Museumsbetrieb kenne ich keine aktive Kultur-Community. Am agilsten erscheinen mir noch die Nachtkritik-Nutzer, die fast zu jeder Inszenierung Kommentare abgeben. Allerdings ist die Frage, ob man hierbei von einer Community sprechen kann, da es zwischen den Nutzern kein erkennbares Zusammengehörigkeitsgefühl zu geben scheint.
Für reine Online Communities, die eigenständig funktionieren (also nicht an Facebook angedockt sind), kann ich mir einen dauerhaften Erfolg derzeit nur schwer im Kulturbereich vorstellen. Oder kennt jemand welche?

P.s. Sebastian Hartmann hat als Kommentar zum letzten Blogbeitrag mehrere Links gepostet. Darunter einer zur Ausstellung „Fundgeschichten“ des LWL-Museums. Bei dem Projekt wird der Ausstellungsbesuch online fortgeführt, indem Schüler Berichte über „gefundene“ Objekteauf einem Posterous-Blog veröffentlichen. Ebenfalls ganz nett: Anlässlich seines 60. Geburtstages zeigt das Deutsche Meeresmuseum täglich neue „Entdeckungen“ aus seinen Archiven, Sammlungs- und Tierbeständen auf seiner Website. Einen crossmedialen Museumsbesuch mit iPad-Aufführung für die „Home“-Ausstellung bietet das Stapferhaus Lenzburg an.

P.P.s. Sabine Griebsch von informationstraeger.de hat vor kurzem übrigens einen zehnteiligen YouTube-Vlog über kulturelle Bildung 2.0 gestartet.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager und Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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