Manch einer denkt, ich könne Kultureinrichtungen nur kritisieren, aber das stimmt nicht. Heute möchte ich loben, und zwar das Thalia Theater. Nicht nur mit ihrer Spielplanwahl haben sie meines Erachtens viel richtig gemacht, auch ihr Auftritt auf Facebook kann als Good Practice Beispiel genannt werden. Endlich eine Kultureinrichtung, bei der nicht jedes Wort fünffach abgezeichnet wird! Endlich Leichtfüßigkeit!

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Wenn die Möwen über dem Thalia Theater kreischen, denkt Julia Mittelstraß von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: „Es ist so schön hier!“ Ist diese Information relevant? Nein, ist sie nicht. Aber sie ist wichtig! Weil sie ein Teil des Ganzen ist. Sie ist Teil des neuen (?) Selbstverständnisses des Thalia Theaters. Vereinfacht lässt sich dieses wohl mit dem Wort „Volksnähe“ beschreiben. Zu dieser gehört auch der „Dialog auf Augenhöhe“. Diese Ausdrücke klingen abgedroschen, sind jedoch aktueller denn je. Denn gerade jetzt, da die Legitimation für die öffentliche Subventionierung von Theatern schwindet, ist es wichtig, die Nähe zum Publikum UND zum Noch-Nicht-Publikum zu suchen. Und das tut das Thalia Theater: durch gezielte Aktionen wie die Spielplanwahl, aber auch, indem man sich über seine Mitarbeiter identifiziert.
Das „Face to Face“-Projekt, in dessen Rahmen Julia Mittelstraß obigen Satz sagt, ist ein Projekt des Theaterregisseurs Luk Perceval, der mit 25 Mitarbeitern des Thalia Theaters Interviews zu ihrem Job geführt und die Videos auf die Website gestellt hat (bitte noch auf YouTube hochladen!). Das Schöne daran: die Interviews bestehen nicht aus Marketing Blabla. Die Antworten sind zwar sicherlich nicht ganz spontan, aber sie sind authentisch und vermitteln das Gefühl, dass die Angestellten ihre Arbeit und das Theater lieben. Und wenn Julia Mittelstraß sich im Video abschließend wünscht, dass alle Mitarbeiter am Theater freundlich und respektvoll miteinander umgingen (was nicht immer passiere), verbirgt sich dahinter zwar Kritik, aber eine, die dem Thalia nützt. Denn Werbevideos, die auf heile Welt machen, hat der Konsument schon tausendfach gesehen und genau so oft als unglaubwürdig entlarvt. Insofern tut man im Thalia Theater gut daran, nicht einen auf Friede, Freude, Eierkuchen zu machen, sondern auf Authentizität zu setzen. Obwohl ich generell kein großer Freund vom „Blick hinter die Kulissen“ bin, muss ich in diesem Fall sagen: hervorragend gemacht!

Die Spielplanwahl, oder: wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Die Aktion sah wie folgt aus: Ende 2011 durften die Menschen per Internet-Voting und per Brief vier von acht Neuinszenierungen für die kommende Spielzeit auswählen. Erlaubt war jeder Vorschlag: Roman- und Filmvorlagen, Klassiker, Uraufführungen, die eigenen Lieblingsstücke. Gewählt wurden schließlich „Die Ehe des Herrn Mississippi“ von Friedrich Dürrenmatt, das Rock-Musical „Peers Heimkehr“ von Emig/Hopf/Schmidt und „Wir sind noch einmal davon gekommen“ von Thornton Wilder. Es gab viel Trara um diese Aktion, die von den Feuilletonisten der Printmedien als Griff ins Klo bezeichnet wurde (oder so ähnlich). Christian Henner-Fehr hat die Debatte sehr schön zusammengefasst  und beurteilt sie positiver als die Printjournalisten. Ich gehe noch einen Schritt weiter und bewerte die Spielplanwahl als überaus gelungen. Dabei möchte ich gar nicht das (pseudo-)demokratische Verfahren oder deren Umsetzung loben, sondern den Mut des Thalia Theaters, neue Wege zu beschreiten. Meiner Meinung nach sollte vor jeder Beurteilung, ob dieses Experiment ge- oder misslungen ist, erstmal positiv hervorgehoben werden, DASS ein Experiment gewagt wurde. Denn das ist in der deutschen Theaterlandschaft weiß Gott nicht die Normalität! Umso mehr hoffe ich, dass Intendant Joachim Lux dem Druck standhält und aus den Inszenierungen nicht eine Kurzversion für das Vorprogramm macht – ein Hintertürchen, das sich das Thalia offengehalten hat.
Auf einem ganz anderen Blatt steht die Frage, wie wichtig das Ausgangsmaterial überhaupt ist. Es gibt zahlreiche Inszenierungen, in denen man das Ausgangsdrama nicht wiedererkennt. Heutzutage ist es normal, dass Texte gekürzt, umgeschrieben und collagiert werden, die Geschichte in eine andere Zeit, ein anderes Milieu oder an einen anderen Ort versetzt wird. Selbst wenn es sich, wie FAZ-Autor Gerhard Stadelmaier schreibt, bei den Gewinnern um drei „Amateurdramen“ handelte, so bestünde immer noch die Chance, diese dramaturgisch zu überarbeiten und grandios zu inszenieren. Auf was warten sie noch, Herr Lux?! An die Arbeit!

Auf Facebook immer locker bleiben

Die Spielplanwahl wurde auf der FB-Seite des Thalia Theaters humoristisch begleitet:

Die Feuilletonisten fanden die Spielplanwahl bekanntlich albern und die Van Canto Fans haben sich über den Hochmut der Hochkulturellen geärgert. Was macht man in so einem Fall? Richtig, man teilt links wie rechts aus, immer auf dem schmalen Grat zwischen nonchalant und frech wandelnd:

Eine Portion Selbstironie darf bei all der Zankerei natürlich nicht fehlen:

Unterhaltsam sind auch die intertextuellen Bezüge, die das Thalia herstellt:

Und im Dialog mit den Fans ist man ebenfalls nie um einen flotten Spruch verlegen:

Ich finde die Einträge und Kommentare mitunter gewagt, gleichzeitig passen sie zu der experimentellen Strategie des Thalia Theaters und den provokativen Inszenierungen. Insofern: konsistent und lobenswert. In Anbetracht der geringen Beschwerden scheinen das die meisten der 7.200 Fans auch so zu sehen. Ebenfalls mutig ist die Entscheidung, die Fans zu duzen – hoffentlich ist unter ihnen kein Polizist. 😉 Nachbesserungsbedarf besteht meines Erachtens nur im Umgang mit ernst gemeinter Kritik. Sicherlich kann es zeit- und kraftraubend sein, sich auf Diskussionen einzulassen (Stichwort: Never Ending Story), doch einen kritischen Beitrag wie diesen hier nur mit „Gefällt mir“ zu quittieren, ist für meinen Geschmack zu wenig.
Und zu guter letzt noch eine weitere Anregung: Gesicht zeigen! Denn im Gegensatz zum „Face-to-Face“-Projekt weiß der Nutzer auf Facebook nicht, wer ihm hier schreibt. Da sogar die Bahn auf Facebook ihre Social Media Beauftragten zeigt, könnte man das vom Thalia ebenfalls erwarten. Gerade, wenn man so große Töne spuckt!

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager an der FH Dortmund, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

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    Christian Holst

    Hallo Axel, ich sehe es auch so, dass allein das Experiment erstmal sehr erfrischend ist, bei allen Problemen, die es offenbar auch mit sich gebracht hat. Aber daraus kann man ja lernen und den Ansatz weiter entwickeln (hoffentlich trauen die sich das jetzt noch). Es ist ja wirklich nicht zu erwarten, dass der Theaterbetrieb, der heute nicht wesentlich anders funktioniert als in Zeiten des Feudalismus, auf Anhieb demokratische Prozesse beherrschen würde, aber es ist gut, wenn er so etwas ausprobiert. Und dass man vom klassischen konservativen Feuilleton nicht gerade Rückenwind für eine solche Aktion erhält, ist sicher auch keine grosse Überraschung.

    Das facetoface -Projekt finde ich auch extrem gut. Im TV hat dieses scheinbar Uninszenierte schon seit längerem Konjunktur (Curb your enthusiasm, Stromberg) und in meinen Augen tut das Theater auch gut daran, die Grenzen zum „echten Leben“ etwas fliessender zu gestalten. Da das von Bühne zu Zuschauersaal schwierig ist, ist dieses Projekt ein sehr interessanter Ansatz.

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    Hagen

    Danke, dass du mich auf dieses Projekt aufmerksam gemacht hast – mit Julia Mittelstraß habe ich Abitur gemacht 🙂 Umso spannender, einen Einblick in ihr jetziges (Berufs)leben zu bekommen.

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    Axel Kopp

    Vielen Dank euch beiden für die Kommentare!

    @Hagen: Da hat sich Julia Mittelstraß im Vergleich zu dir aber gut gehalten. 😉

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    Zahnwart

    Ja, das Face-to-Face-Projekt ist gelungen. Ja, die Publikumsansprache ist sympathisch unformatiert (wenn auch gerade im Theaterbereich nicht ganz so singulär, wie hier behauptet: Kampnagel etwa arbeitet mit Newsletter und Facebook-Auftritt ganz ähnlich, manchmal sogar noch anarchischer, manchmal spielen sie noch mehr auf Risiko).

    Einzig mit der Spielplanwahl habe ich meine Probleme, da bin ich der typische Feuilletonist, der die Idee als „Griff ins Klo“ bezeichnet – als grundlegendes Missverständnis der Eigenarten sowohl von Demokratie als auch Internet als auch (und das wiegt am schwersten!) Dramaturgie. Andererseits ist es auch sympathisch, dass sich das Thalia wenigstens solch einen Griff ins Klo leistet. Mit Lust scheitern, wann traut sich ene Erfolgsbühne so etwas schon mal?

    So gesehen: Glückwunsch zu diesem Lob ans Thalia Theater. Kann ich (fast) unterschreiben.

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