Letztes Wochenende hat in Düsseldorf das Variété Liberté gastiert. Aus einem ehemaligen Supermarkt wurde „eine einzigartige Begegnungsstätte für Kulturenthusiasten. Großformatige Rauminstallationen, traumwandlerische Multimedia-Performances und musikalische Delikatessen hauchten dem bis dahin leer stehenden Gebäude eine neue Identität ein“, heißt es auf der Website. Bisschen übertrieben, aber nicht falsch. Gesponsert wurde die Veranstaltung von Gaulloise/Reemtsma. Und das scheint für einige noch immer ein Problem zu sein. Meiner Meinung nach ist es das Gegenteil: eine große Chance!

Künstler: aus Tradition (unnötig) arm

In einer Umfrage des Bundesverbandes Bildender Künstler (BBK) gaben über 90 Prozent der Befragten an, nicht ausschließlich vom Verkauf ihrer Kunst leben zu können (Quelle: Fluter). Jetzt kann man sagen: ist normal, war schon immer so, wie bei Spitzwegs armem Poeten eben. Doch ist das gut? Wer das meint, bitteschön, soll gerne als Künstler in Armut leben oder seine Brötchen auf dem Bau oder sonstwo verdienen. Ein besserer Künstler wird er dadurch allerdings nicht! Auch sollte er nicht vergessen, dass viele großen Künstler Auftragsarbeiten angefertigt haben. So wäre vermutlich ohne den Auftrag von Francesco del Giocondo die Mona Lisa nicht entstanden und ohne den von Charles Saatchi hätte Damien Hirst vielleicht niemals einen Tigerhai eingelegt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Aufträgen ist der Unterschied zwischen schlechtem und gutem Kultursponsoring. Während del Giocondo vermutlich explizit ein Portrait der Mona Lisa orderte, hat Saatchi bei Damien Hirst ein Werk für 50.000 Pfund bestellt – und eben keine inhaltliche Vorgaben gemacht. Und so sollte es auch bei Kultursponsoring sein: der Sponsor zahlt, beeinflusst aber den Künstler nicht in seinem Schaffen. Anders als bei Saatchis Auftrag liegt die wahre Gegenleistung beim Kultursponsoring allerdings nicht in der Kunst selbst, sondern im Imagetransfer.

Die Währung heißt Anwesenheit

Tabakkonzerne sind als Sponsoren ideal: sie haben Geld und keine andere Wahl. Denn im Radio und Fernsehen dürfen sie nicht werben und zusätzlich haben sie das Problem, dass „geschmackliche und imageorientierte Wahrnehmungsunterschiede zwischen den Zigarettenmarken generell erst bei Produktkenntnis auftreten“ (Müller 2007: 26). Heißt: Zigaretten werden über ihr Image verkauft. Und wer kein Marlboro-Cowboy sein will, sondern ein kreativer Hipster, ist gezwungen, sich an junge Grafikdesigner und Künstler ranzuschmeißen. Deshalb wurde im Variété Liberté auch geknipst und gefilmt, was das Zeug hielt. Kann man nämlich alles schön ins Netz stellen.
Interessanterweise hatte es Gaulloise dabei nicht nur auf Kunst und Künstler abgesehen, sondern auch auf das Publikum, das die Erwartungen erfüllt haben dürfte: jung, hip, schön. Die Statisten wurden damit zu Protagonisten. Die eigentliche Währung, mit der Künstler und Publikum bezahlten, hieß Anwesenheit. Um das zu durchschauen, muss man kein Marketing studiert haben. Doch eben weil jeder halbwegs aufgeklärter Bürger weiß, wie das Spiel funktioniert, kann auch jeder entscheiden, ob er es mitspielt. In diesem Fall dürfte es sich für alle Beteiligten gelohnt haben, eine Win-Win-Win-Situation quasi.

Leider geil

Einem Straight Edge Künstler würde man aus Imagegründen nicht empfehlen, sich von Gaulloise bezahlen zu lassen. Für alle anderen jungen Künstler sind solche Veranstaltungen hingegen ideal, um Kohle zu scheffeln und ihre Kunst der Öffentlichkeit zu zeigen. Denn Geldmangel ist ihr eines Problem, Aufmerksamkeitsdefizit ihr anderes. Insofern helfen solche gesponserten Veranstaltungen den Künstlern gleich doppelt. Sollte es der Sponsor den Künstlern ermöglichen, Ideen zu realisieren, die sonst kaum Chancen auf Umsetzung hätten (zu groß, zu schwer, zu teuer…), sogar dreifach. Oder um präziser zu sein: sie könnten den Künstler dreifach helfen. Denn Verhandlungsgeschick und Verkaufstalent besitzen leider nur die wenigsten von ihnen. Aber das ist ein anderes Thema.
Für das Publikum sind Veranstaltungen wie das Variété Liberté: leider geil. Kein Eintritt, dafür ein richtig gutes Programm und obendrauf noch zwei Getränkegutscheine. Von der Street Art Führung über die Auswahl der Künstler bis hin zur gesamten Organisation war die Veranstaltung in Düsseldorf einfach top. Da bezahle ich gerne mit meiner Anwesenheit und ziehe zusätzlich meinen kulturmanagerialen Hut!
Krass natürlich auch, wie viel Geld Reemtsma in die Hand nehmen kann, um ein solches viertägiges Event aus dem Boden zu stampfen und einen alten Supermarkt in ein Partyatelier zu verwandeln. Als jemand, der es gewohnt ist, um jeden Cent öffentliche Kulturförderung zu kämpfen, bleibt einem da die Spucke weg. [Conclusio entfällt aufgrund fehlender Spucke]

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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