Man weiß bei Facebook gar nicht mehr, wo man anfangen soll, sich aufzuregen. Über die letztens eingeführte Stasi-Funktion „Verpfeif‘ deine Freunde!“? Über das automatische Posten von Werbung? Darüber, dass Facebook heimlich die Chats seiner Nutzer überwacht? Oder eher über so olle Kamellen wie versteckte Datenschutzeinstellungen, ständige Neuerungen und Zombie-Freunde? Facebook nervt jedenfalls gewaltig und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Sonja Zietlow „Die 50 größten Facebook-Aufreger“ auf RTL moderiert. Fest steht: es reicht! Austreten! Alle!!! Doch wer macht den Anfang? Und wohin sollen Nutzer und Unternehmen gehen?

(K)Ein Vergleich mit StudiVZ

Wir erinnern uns: StudiVZ hatte zu Hochzeiten 16 Millionen Mitglieder. Heute sind es gefühlte null. Doch obwohl StudiVZ läppisch mit Nutzerdaten umging, gravierende Sicherheitslücken aufwies und keine Skrupel hatte, einfach mal die AGBs zu ändern, ist es daran nicht zu Grunde gegangen. Gründe für das Scheitern waren vielmehr die veraltete Technik, zu wenig Innovation, die ausgrenzende Namensgebung des Netzwerks sowie fehlende Internationalität. An all diesen Punkten wird Facebook nicht scheitern. Wie viele Nutzer „nur“ aufgrund von ein „paar“ „Aufregern“ austreten, kann man deshalb schwerlich sagen. Man kann ihnen aber den Ausstieg schmackhaft machen.

Daten sichern, schön aufbereiten und leise Servus sagen

Aus Facebook austreten fällt erstens schwer, weil „alle“ dort sind und zweitens, weil viele Nutzer in den letzten Jahren viele, viele Inhalte auf Facebook hochgeladen, es als Biografie, Chronik und Archiv genutzt haben. Deshalb heißt es jetzt: Daten sichern! All die Statusmeldungen, Nachrichten, Fotos, Videos, Freundeslisten etc. pp. als zip-Datei herunterladen und entpacken. Und dann??? Dann hat man html-Dateien, die nicht wirklich Spaß machen und wie eine missglückte Variante von Google+ aussehen:

Für Nostalgiker dürften diese Daten nur ein schwacher Trost für den Verlust ihres Facebook-Lebens sein. Aber mittlerweile kann man sich zum Glück für lau ein pathetisches Video und für 50 Euro ein Fotobuch der eigenen Timeline erstellen. Ja, das ist ein wenig wie E-Mails ausdrucken und für Techies sicherlich ein beknackte Idee. Doch zum Großteil sind die 900 Millionen Facebook-Nutzer eben keine Techies und dürften eine solche „Datensicherung auf Papier“ zu schätzen wissen. Und wie gesagt: für die silberne Hochzeit 2039 haben die Kinder immer noch die Möglichkeit, die html-Daten von damals in xhtml500 zu konvertieren und eine Virtual Reality Show draus zu machen. Für jetzt bleibt jedoch festzuhalten: die Archivierung der Daten fällt leichter, als viele denken. Und damit ist der erste Schritt zum Löschen Deaktivieren des Facebook-Accounts getan.

Google+ ist keine Alternative. Eigentlich.

Schön wäre es natürlich, wenn man die gespeicherten Facebook-Daten nehmen und direkt in das neue soziale Netzwerk hochladen könnte. Doch in welches denn?! Und das ist das Hauptproblem: es gibt momentan keinen adäquaten Facebook-Ersatz. Technisch, optisch und funktional kann Google+ zwar mit links mithalten, aber wer wechselt schon gerne von der Pest zur Cholera? Ich, als Google-Fanboy, sehe das zwar anders und freue mich, dass Google+ in den USA im letzten Monat um 43 % gewachsen ist, nichtsdestotrotz hat auch Google – wie der jüngste Vorfall mal wieder beweist – in Sachen Datenschutz keine weiße Weste und ist eben auch: ein Unternehmen. Das ist das entscheidende Problem. Denn sind erstmal „alle“ im sozialen Netzwerks eines Unternehmens (und damit für die Nutzer die sozialen Ausstiegsbarrieren hoch), wird dieses irgendwann Profit daraus schlagen. Und das geht immer auf Kosten der Nutzer. Entweder müssen die dann Geld für einen Premium-Account bezahlen, massenhaft Werbung ertragen oder zulassen, dass ihre Daten verkauft werden. Sind die Nutzer also erstmal im goldenen Käfig gefangen, kann ein Unternehmen innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen ihnen auf der Nase herumtanzen. Also genau das machen, was Facebook derzeit tut. Zu vertrauen, dass Google auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten nicht „evil“ wird, zeugt deshalb von einer optimistischen Lebensauffassung. Kleine Prophezeiung am Rande: auch Twitter wird bald Geld verdienen müssen und damit seine Nutzer verärgern.

Friendica, Diaspora etc.

Das Problem ist, dass die beiden bekannten Open-Source-Netzwerke Friendica und Diaspora derzeit noch keine Alternativen darstellen. Beide bieten momentan auch keinen „normalen“ Zugang an. Und das nicht ohne Grund. Denn obwohl die Grundfunktionen, also Profil anlegen, Statusmeldungen posten, kommentieren, Freunde hinzufügen oder private Nachrichten senden, in beiden Netzwerken funktionieren, wirken sie nicht rund. Sie machen nicht wirklich Spaß und fühlen sich so 2006 an. Wenn man die nicht-kommerziellen Netzwerke ausprobiert hat, weiß man erst, wie gut Facebook in technischer Hinsicht ist.
Weitere gute Ansätze gibt es mehr als genug und die Liste an dezentralen sozialen Netzwerken ist lang, beeindruckend lang, unnötig lang. Denn sie haben ein zentrales Problem: Unausgereiftheit. Es wäre eine gute Idee, allen eine E-Mail zu schreiben und ihnen zu sagen, dass „wir“ keine 20 schlechten Alternativen zu Facebook brauchen, sondern eine gute! ZEIT-Autor Patrick Beuth fordert deshalb zu Recht: „Netzwerke aller Länder, vereinigt euch!“
Solange sich Facebook jedoch zehn Mal schneller entwickelt als die ganzen Open Source Varianten, wird die Forderung zum Facebook-Austritt schnell verhallen und die meisten Nutzer werden im goldenen Käfig sitzen bleiben. Datenschutz hin oder her. Scheidet unsere Ehe mit Facebook also erst der Tod? Nein! Das muss nicht sein! Diaspora ist für uns alte Hasen zwar noch zu jungfräulich, aber die Zeit für eine Liebesbeziehung mit Google+ ist reif. Hab ich gerade nicht etwas von Pest und Cholera geschrieben? Ja, hab ich. Aber wer sagt denn, dass die Beziehung mit Google+ auf immer und ewig halten muss?! Hallo?! Über 50 % der Ehen werden geschieden, da sollten wir doch auch bereit sein, uns alle paar Jahre von einem sozialen Netzwerk zu trennen!

P.s. Axel, eine Frage zum Schluss: „Wann löschst du eigentlich deinen Facebook-Account?“ Antwort: „Öhhmmm….“

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare

  1. avatar
    Axel Kopp

    Ich denke nicht, dass Twitter eine Alternative zu Facebook ist. Neben der Zeichenbeschränkung und dem deutlich geringeren Funktionsumfang, finde ich auch, dass die Kultur auf Twitter eine ganz andere ist. In der Regel sind die Tweets ja öffentlich, wohingegen die Beiträge auf Facebook meist für einen abgesteckten Personenkreis bestimmt sind. Außerdem muss Twitter auch bald Gewinn abwerfen. Und egal, wie Twitter das macht, es wird dadurch unattraktiver.

  2. avatar
    kulturblogger

    Mit diesem Post hast du ja die ZEIT auf eine schöne Titelidee gebracht. 😉 Ja, aber das Thema liegt tatsächlich in der Luft. Selbst freie Angebote wie Wikipedia geraten in die Kritik, weil sie zu Propaganda-Zwecken benutzt werden können. Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen, dass endlich auch mal die dunkleren Seite der schönen neuen Digitalwelt zur Sprache kommen, denn nur dann wird ein differenziertes Bild zwischen Verteufelung und Fanatismus möglich. Weil du Google+ als Alternative darstellst: auf netzwertig wird schon das Grablied gesungen, und ich stimme da ein.

  3. avatar
    Axel Kopp

    Böswillig könnte man von einem Sommerlochthema sprechen. Trotzdem ist es wichtig, das zu diskutieren – auch wenn es am Nutzerverhalten vermutlich nichts ändern wird. Ich denke, eines der Hauptprobleme ist, dass wir nie gelernt haben, Daten als Währung zu sehen. Von Kindesbeinen an lernen wir, wie viel Geld ein Lutscher oder ein Spielzeugauto kostet. Dass man solche Produkte theoretisch genauso gut mit Daten bezahlen könnte, lernen wir nicht. Vielleicht, weil es zu abstrakt ist oder weil das bis vor wenigen Jahren kein Thema war, keine Ahnung. Jedenfalls sehe ich darin schon ein echtes Problem. Wobei man natürlich auch sagen muss, dass es nicht der einzelne ist, der so einen ungeheuren Wert für Facebook hat, sondern nur die Masse. Der Otto-Normal-Facebooker ist ja nur ca. 17 US-Dollar wert (laut dieser Quelle). Ein weiteres Hauptproblem ist sicherlich, dass wir faul und inkonsequent sind. Wären wir das nicht, hätten wir Facebook, Apple und auch manch anderem Unternehmen schon längst Lebewohl gesagt.
    Die Zukunft von Google+ zu prophezeien, ist natürlich schwierig. Vielleicht stellt es keine 1:1-Alternative zu Facebook dar, aber ich denke, es ist viel zu früh, um das Grablied zu singen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Marktmacht von Google enorm ist und dass es mit YouTube, Picasa, YELP und einigen anderen Diensten noch einige Trümpfe in der Hand hat (vom Siebener bis hin zum Kreuz Ass). Momentan werden diese ja nach und nach zusammengeführt. Ich denke, wenn Google damit „fertig“ ist (im Netz ist nie was fertig…), wird der Mehrwert für den Nutzer enorm sein. Ich habe eher Angst, dass wir dann ein geschlossenes Ökosystem haben, aus dem abgesehen von Harry Houdini überhaupt niemand mehr rauskommt.

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    Sebastian Hartmann

    Schön!
    Sommerlochthema ja, aber gerade in letzter Zeit häufiger sich ja die bedenkenswerten Baustellen, über die man (der Facebook-Nutzer) nachdenken sollte. Ich sehe Facebook aber momentan noch – um in einem Satz zu sprechen – als „alternativlos“ an.
    Werde aber auch nochmal darüber sinnieren und was schreiben. I hope.
    Cheers!

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    Anja

    wo ist der Unterschied, ob ich nun facebook meine Daten gebe oder Google (oder Apple oder was weiß ich) – diese kritikfreie Hingabe an Riesenunternehmen ist doch wohl generell grotesk und eine Deformation unserer Gesellschaft …
    Wir sollten wohl eher lernen was Daten sind und welche Rechte wir im Gegensatz zu irgendwelchen Privatunternehmern wir an Ihnen haben – die Umwandlung von allem in Geld, finde ich gruselig.

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    Axel Kopp

    Der Unterschied zwischen den Unternehmen ist vielleicht nicht riesig, aber das Signal, das von einem Wechsel ausgeht, wäre wichtig. Momentan wirkt es (zumindest auf mich) so, dass Facebook die Macht über die Nutzer hat. Dabei ist es eigentlich andersherum. Nur scheinen sich die Nutzer dessen nicht bewusst.

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    toothroot

    Ich denke, dass die „Machtfrage“ wohl den allermeisten Nutzern vollkommen egal ist. Die ziehen einfach weiter, wenn der Dienst sich nicht mehr verändert oder der kommerzielle Zuschnitt zu viel Raum einnimmt: Digitale Migration. Können wir vielleicht demnächst auch bei Twitter wieder beobachten.

    Interessant ist auch die Frage, ob man als Unternehmen weg von einem rein werbekundenorientierten hin zu einem echt userorientierten Netzwerk schaffen kann. Das oft besprochene app.net will ja diesen Weg gehen – mit einem Bezahlsystem. 50 Dollar im Jahr. Eine Alternative?

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    Sebastian

    So. Mal ein ganz persönlicher Blick auf Facebook: http://tinyurl.com/c5j6pnf Facebook bleibt erst einmal, aufgrund seines (noch) Mehrwertes. Trotzalledem oder gerade deswegen sollte man stets die negativen „Begleiterscheinungen“ immer auf dem Bildschirm haben.
    Grüße, Sebastian

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