Manchmal hat man ja das Gefühl, dass es schon alles gibt und schon alles gesagt wurde. Und dann sucht man auf Wikipedia nach Netzkultur und merkt Hoppla, dem ist wohl doch nicht so. Ohne Literaturangaben, Einzelnachweise etc. umfasst der Artikel weniger als 200 Wörter (Stand: 22.08.2013). In Anbetracht dessen, wie viel Kulturwissenschaftler es gibt und wie viel über Kultur geschrieben werden, ist das erstaunlich. Und für mich Grund genug, mich dem Thema anzunehmen.

Kultur – ein Begriff, viele Definitionen

Der Begriff Netzkultur ist schwierig, weil in ihm das Wort „Kultur“ steckt. Denn was ist Kultur? Journalist Dieter E. Zimmer hat 1992 einen Artikel für die ZEIT mit der Überschrift „Kultur ist alles. Alles ist Kultur“ geschrieben. Äußerst treffend beschreibt er darin die Evolution des Kulturbegriffs – von der Agrikultur bis hin zur Streitkultur – und damit auch das Problem des Worts „Kultur“. Denn die EINE Definition gibt es nicht, fast jeder Mensch hat seine eigene. Und auch im wissenschaftlichen Kontext wird der Begriff durchaus unterschiedlich definiert. Sinnvoll erscheint mir daher, von der Alltagssprache auszugehen und den Begriff in vier Dimensionen zu unterteilen, wie es auch mein ehemaliger Professor Armin Klein (z.B. im Buch „Kulturpolitik“) in Anlehnung an Klaus Peter Hansen getan hat. Hier eine kurze, leicht variierte Beschreibung dieser Dimensionen:

  1. Kultur als Gegensatz zu Natur: alles, was nicht Natur ist, wo also der Mensch eingegriffen hat, ist Kultur. Von der Agrikultur über Bakterienkultur, Kunst, Sport, Technik bis hin zu Moral und Wissenschaft ist demnach alles Kultur.
  2. Kultur als Kulturen: die Kultur eines Volks, einer Gesellschaft oder einer Gruppe, zu der u.a. Wertvorstellungen, Sitten, Bräuche und Umgangsformen gehören. Beispiele hierfür sind der American Way of Life, die Kultur der Deutschen oder auch Gegenkulturen wie die 68er Bewegung oder die Punk-Szene.
  3. Kultur als Kultiviertheit: Kultur im Sinne von „Kultur haben“, beispielsweise Geschmack, Bildung, Manieren oder einen Sinn für Kunst haben
  4. Kultur als Kunst: die Schönen Künste, also Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Literatur und Musik

Die „unangreifbarste“, aber zugleich die „unbrauchbarste“ Dimension ist meines Erachtens die erste. Denn demnach wäre fast alles Kultur. Würde man diese Definition beispielsweise für die Kulturförderung heranziehen, ließe sich damit auch der Bergbau subventionieren oder Glasfaserkabel verlegen. Es macht also durchaus Sinn, dass das Kulturamt hauptsächlich Definition vier, Kultur als Kunst, verwendet, wenngleich es in der Praxis eine ganze Palette an Ausnahmen gibt. Man denke nur an die Förderung von Heimat-, Naturkunde-, Völkerkunde- und Technikmuseen, Denkmäler, Schlösser und Burgen (was meinen ebenfalls ehemaligen Professor Thomas Knubben dazu veranlasst hat, „Kultur als Bildung“ als eigene Dimension einzuführen und solche Einrichtungen darunter zu subsumieren).

Die dritte Dimension scheint mir insofern an Bedeutung zu verlieren, als dass a) ich kaum jemanden aus meiner Generation kenne, der den Kulturbegriff in diesem Zusammenhang noch verwendet und b) sich diese Dimension nicht besonders gut von der zweiten abgrenzen lässt, da die Einordnung von der Perspektive abhängt. Nur als Beispiel: jemand, der zum Essen kein Besteck benutzt, könnte man gemäß der normativen Dimension drei abwertend als unkultiviert bezeichnen. Kommt dieser jemand jedoch aus einem anderen Teil der Erde und ist in einer Kultur aufgewachsen, in der das Essen mit den Fingern üblich ist, so wäre dies gemäß Dimension zwei wertfrei (nicht-normativ) lediglich eine andere Esskultur.

Die Netzgemeinde und ihre Netzkultur

Wenn Medien über die Netzgemeinde oder die Internetgemeinde schreiben, Sascha Lobo auf der re:publica 12 von „uns“ als den Internet People spricht, Peter Kruse zwischen Digital Visitors und Digital Residents unterscheidet (siehe unten), man sich den Wikipedia-Artikel über die Cybergesellschaft durchliest oder sich das Twitterbarometer anschaut, das die politische Stimmungslage unter Twitterern misst, merkt man, dass es tatsächlich so etwas wie ein Internetvolk gibt. Und dieses hat eine eigene Kultur (gemäß der zweiten Dimension), also eigene Wertvorstellungen, Sitten, Bräuche und Umgangsformen.

Wie auch in anderen Kulturen üblich, teilt nicht jeder diese Kultur – genauso wenig wie alle Franzosen gerne Käse und Baguette essen und dazu Rotwein trinken. Und jemand, der diese Kultur teilt, mag bei Einzelthemen, bei denen innerhalb der Netzgemeinde weitgehende Einigkeit herrscht (z.B. Netzneutralität oder Vorratsdatenspeicherung), zwar eine diametral abweichende Meinung vertreten, aber trotzdem Teil von ihr sein – genauso wie man SPD-Wähler und gleichzeitig ein „richtiger Bayer“ sein kann. Anders herum gehört auch nicht jeder, der das Internet nutzt, automatisch zum Internetvolk. Wer täglich Spiegel Online liest, sich auf Wikipedia rumtreibt, einen Facebook-Account hat, seine Klamotten bei Zalando und seine Bücher bei Amazon bestellt und ständig auf seinem Smartphone herumtoucht, mag ein Heavy Internetuser sein, jedoch nicht zwangsweise ein Digital Resident.

Diesen Begriff hat meines Wissens Peter Kruse eingeführt, der im Rahmen seines Vortrags auf der re:publica 10 die Einstellungen von Heavy Usern wissenschaftlich analysiert hat und diese in zwei Gruppen unterteilt: die Digital Visitors und die Digital Residents. Letztere sind – ich zitiere Marie-Christine Schindler – „Personen, die ihren privaten und beruflichen Alltag weitgehend auf das Web abstützen. Sie bringen eine große Offenheit für den Austausch und die Kontaktpflege in der Online-Welt mit und wollen gestaltend eingreifen und hautnah miterleben“. Damit sind es auch sie, die die Netzkultur durch ihr Tun prägen, sei es, indem sie netzpolitisch aktiv sind, Wikipedia-Artikel schreiben, ein Forum betreiben, Open Source Projekte unterstützen, zum Spaß Apps programmieren, als Multiplikatoren auf Twitter aktiv sind, über ein bestimmtes Thema bloggen, Internet Memes remixen oder, oder, oder.

Netzkultur lässt sich abstrakt nur schwer beschreiben, weshalb ich in den nächsten Monaten vermehrt über dieses Thema bloggen und anhand vieler Beispiele aufzeigen werde, was alles zur Netzkultur gehört, was sie ausmacht und weshalb Unternehmen und Organisationen gut daran tun, einen Digital Resident in ihren Reihen zu haben, der Netzkultur hat (in diesem Fall normativ/wertend gemäß Dimension drei gemeint).

Zu guter Letzt hier der bereits mehrfache erwähnte Vortrag von Peter Kruse (insbesondere ab 8:05 min interessant):

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager an der FH Dortmund, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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