Vor zwei Jahren habe ich mich im Artikel „Millionen für die Hochkultur, Groschen für die Off-Szene“ schon mal zur Kulturpolitik Düsseldorfs geäußert. Seitdem hat sich kaum was verändert. Eigentlich logisch, denn Stadtrat und OB sind nach wie vor dieselben – aber nicht mehr lange! Die schwarz-gelbe Koalition im Stadtrat wurde bereits abgewählt und am 15. Juni kommt es zur Stichwahl zwischen Noch-OB Dirk Elbers (CDU) und Thomas Geisel (SPD). Eine gute Zeit also, um mit dem SPD-Kandidaten ein Interview zu führen.

Was könnte Geisel im Hinblick auf die kommunale Kulturpolitik überhaupt ändern?

Vermutlich gar nicht sooooo viel. Erstmal wird der politische Handlungsspielraum eines OBs ja vom Stadtrat begrenzt. Für Geisel hieße das: Ampel-Koalition oder mit einer schwarz-grünen Mehrheit im Rat regieren. Beide Optionen sind – nicht nur kulturpolitisch – für einen echten Neuanfang nicht geeignet. Auch der finanzielle Handlungsspielraum ist begrenzt. Das klingt erstmal absurd, denn Düsseldorf gibt jährlich satte 114 Millionen Euro für Kultur aus (siehe Kulturreport 2011/2012). Allerdings sind die allermeisten Gelder gebunden und selbst große Häuser wie die Deutsche Oper am Rhein, die jedes Jahr 23 Millionen von der Stadt abgreifen, schwimmen nicht im Geld. Sie zu schröpfen hieße, sie zu beerdigen.

Und da sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Mut. Klar kann man auch einfach so den Kulturetat erhöhen, der freien Szene mehr Geld geben und auf jegliche Form der Umverteilung verzichten, aber ich bin ganz eindeutig der Meinung, dass man genauso gut ein paar Institutionen schließen und das eingesparte Geld anderweitig investieren könnte. Ich persönlich denke zum Beispiel, dass Düsseldorf ohne weiteres auf das Goethe-Museum, das Hetjens-Museum (keine eigene Website) und das Theatermuseum (keine eigene Website) verzichten könnte. Man kann jetzt einwenden, dass diese Einrichtungen die Stadt gerade einmal drei Millionen Euro pro Jahr kosten. Damit kann man keine kulturpolitischen Visionen realisieren, das ist mir sehr wohl bewusst. Bedenkt man allerdings, dass die gesamte freie Szene momentan jährlich vier Millionen erhält, würde das für sie ein Plus von 75 Prozent und damit einen regelrechten Geldregen bedeuten. Wie viele Street-Art-Aktionen, Digitalkunst-Festivals, Performances im öffentlichen Raum etc. pp. man damit umsetzen könnte… ich gerate ins Träumen.

Worin besteht zwischen Noch-OB Elbers und Geisel kulturpolitische Einigkeit?

Beiden liegt die Zukunft des Schauspielhauses und die des NRW-Forums am Herzen. Seit das Land Nordrhein-Westfalen Ende 2013 aus der Finanzierung des NRW-Forums ausgestiegen ist, wird es nur noch temporär bespielt. Vorher fanden dort Ausstellungen im Grenzbereich zwischen Kunst und Kommerz statt (Schwerpunkte: Fotografie, Film, Video, Mode, Design, Werbung und Architektur). Vermutlich wird es in einigen Monaten mit einem vergleichbaren Konzept neu eröffnet werden. Da das Haus unter Wolfgang Lippert und Petra Wenzel sehr effizient geführt wurde, wird die Stadt wohl den Betrag zuschießen müssen, zu dem das Land nicht mehr bereit ist: 700.000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen die 500.000 Euro, mit der die Stadt das NRW-Forum ohnehin gefördert hat; macht summa summarum 1,2 Millionen Euro. Einerseits begrüße ich das, denn nicht nur ich war ein großer Fan des NRW-Forums, andererseits ärgert es mich, da es abermals Geld ist, das eben nicht der freien Szene zur Verfügung steht.
Dass sowohl Elbers wie auch Geisel sich freuen, dass das Schauspielhaus seit Kurzem wieder Günther Beelitz als Intendanten hat, kann ich nicht verstehen. Der Mann ist 75 Jahre alt und hat vor zwei Wochen einen Spielplan vorgestellt „der sich auf die Tradition bezieht“ und „seinen Schwerpunkt in der Klassik findet“ (Zitat aus dem Spielzeitheft 2014/2015). Ganz klassisch hierarchisch hat Beelitz  auch seit Amtsbeginn zig Mitarbeiter rausgeschmissen bzw. zur Tür geleitet. Immerhin gab es zum Einstand vor wenigen Tagen „Buh-Chöre im ausverkauften Schauspielhaus“.  Falls es mit Beelitz nicht klappt, stünde die 1898 geborene Misao Okawa aus Japan jederzeit bereit.

Was unterscheidet Geisel von Elbers in Sachen Kulturpolitik am meisten?

Die Einstellung, die Offenheit. Klar würde auch Elbers behaupten, dass er die freie Szene ganz toll findet, aber für sie getan hat er in den letzten sechs Jahren herzlich wenig. Das würde auch nicht zu ihm passen. Elbers ist ein Typ für Leuchttürme, Großbauprojekte und Statussymbole, einer der gern im Anzug mit Krawatte aus einem hochglanzpolierten Benz steigt und auf dem roten Teppich in die Oper stolziert.
Geisel ist da anders. Selbst wenn er, wie oben beschrieben, der freien Szene keine Blankoschecks ausstellen kann/würde, weiß er zumindest um die Probleme der freien Szene, zeigt er sich ernsthaft an Subkultur interessiert, weiß um deren Bedeutung für die Stadt und zollt den Akteuren seinen Respekt. Das mögen alles weiche Faktoren sein, doch bilden sie die Grundlage für kulturpolitische Veränderungen. Ein Satz wie „es darf keine unantastbaren Besitzstände geben“ ist butterweich, doch stellt Geisel der freien Szene zumindest mehr Geld in Aussicht. Von Elbers ist mir sowas nicht bekannt.
Behördlichen Auflagen (Brandschutzverordnungen, Lärmschutzregeln etc.), die Subkulturvereinen immer wieder Probleme bereiten, kann ein Oberbürgermeister nicht ändern. Wenn sich jedoch eine „in dubio pro cultura“-Haltung, wie sie Geisel vertritt, in der Verwaltung manifestiert, wäre der Subkultur schon viel geholfen.
Eine von Geisel in Aussicht gestellte, bei der Stadt angesiedelte Zwischennutzungsagentur wäre sicherlich eine gute Sache. In Stuttgart ist ein solches Projekt zwar gerade erst misslungen und der Bericht der Wuppertaler Zwischennutzungsagentur fällt zwiespältig aus („Die Vorschriften der Bauordnung schränken Zwischennutzungen in Ladenlokalen in der Praxis jedoch erheblich ein“), das heißt aber nicht, dass das Konzept gescheitert ist.

Fazit

Ich hätte mir noch etwas klarere, konkretere Aussagen von Geisel gewünscht. Einige Sätze klingen nach Umverteilung und nach mehr Förderung für die freien Träger, aber er räumt sich einen sehr großen Spielraum ein. Einen Geldregen für die Subkultur würde es wohl auch unter einem OB Geisel nicht geben, etwas mehr Förderung vermutlich schon. Das wiederum würde immerhin zu einer besseren Bezahlung der Akteure respektive weniger Selbstausbeutung führen. Außerdem wären Respekt und Anerkennung garantiert.

P.s. Ich bin im Text absichtlich eher auf den Interview-Teil eingegangen, der rausgeschnitten wurde. Es lohnt sich also, das Interview anzuschauen. 😉
P.P.s. Erwähnen möchte ich auch, dass ich zwar aktives Mitglied im damenundherren e.V. bin, das Interview aber in keinerlei Verbindung zum Verein steht.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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