Volksbühne 2.0

Ungleich und ungleich gesellt sich ungern. Und das ist ein ganz wesentlicher Grund, warum viele junge Leute nicht mehr ins Theater gehen. Das Gemeinschaftsgefühl fehlt. Früher sorgten Theatergemeinden und die Volksbühne dafür, dass sich Gleichgesinnte im Theater trafen, heute weiß kaum ein Junger, was das überhaupt ist. In Düsseldorf gibt es mit „ausreihe3“ aber eine Art Besucherorganisation für 17- bis 40-Jährige, die läuft.

Wie ausreihe3 funktioniert

Organisiert wird ausreihe3 im Wesentlichen von der jungen Theaterwissenschaftlerin Verena Meis, die seit Ende 2013 während der Spielzeit circa einmal pro Monat zu einer Inszenierung einlädt. Kommuniziert werden die Termine über einen Newsletter und eine Facebook-Seite. Als Besucher reserviert man sich seine Karte zum Preis von drei Euro per formloser Mail und holt sich diese eine gute Stunde vor Vorstellungsbeginn am ausreihe3-Stand neben der normalen Kasse ab. So früh deshalb, weil es immer eine Einführung zum Stück gibt; meist in Form eines Interviews zwischen Verena Meis und dem jeweiligen Dramaturgen – und meist in der Theaterkantine. Dann geht’s in die Vorstellung und danach wieder in die Kantine, wo man sich und viele Schauspieler trifft, zum kleinen Preis Bier trinken, einen Happenpappen essen und plaudern kann.
Wer jetzt denkt, „Na ja, so mega innovativ ist das gar nicht“, hat vollkommen recht, das Format ist sogar ziemlich retro, kommt ganz ohne Twitter, App und Technik-Schnickschnack aus. Aber mal eine andere Frage: Wie innovativ sind denn InstaWalks, Tweetups und Barcamps? Meine Meinung: Manchmal reicht es schon, bestehenden Formaten einen neuen Drive zu geben.

Warum das Konzept erfolgreich ist

Beim letzten Mal („Kreise/Visionen“) kamen etwa 70 ausreihe3-Besucher, bei „Die Ratten“ im Januar waren es 160 – der bisherige Rekord. Man kann also auf jeden Fall von einem quantitativen Erfolg sprechen. Drei Euro für eine Theaterkarte ist ein Kampfpreis, aber meines Erachtens lässt sich der Erfolg des Formats nicht allein darauf reduzieren. Sicherlich spielt der Preis eine Rolle und ausreihe3 würde nicht so gut laufen, nähme man mehr als zehn Euro, aber es gibt noch einige weitere Erfolgsfaktoren:
Es beginnt schon beim Namen, der im Vergleich zu „Theatergemeinde“ deutlich frischer daherkommt. Wesentlich wichtiger ist aber meines Erachtens die Organisatorin Verena Meis, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni nah an den (geisteswissenschaftlichen) Studenten dran ist und altersmäßig selbst zur Zielgruppe gehört (gut für die analoge und digitale Mundpropaganda). Einerseits ist Verena jung und nonchalant, andererseits bringt sie als Theaterwissenschaftlerin die notwendige Expertise mit, um mit Dramaturgen auf Augenhöhe reden zu können – was sich positiv auf die Einführung auswirkt. Da sie nicht beim Schauspielhaus angestellt ist, unabhängig und ehrenamtlich agiert, hat sie auch nicht den Druck, etwas verkaufen zu müssen – ebenfalls angenehm.

Eine weitere Stärke von ausreihe3 ist die „Vor- und Nachbereitung“ in der Theaterkantine – eine coole Location, in die man als Laie normalerweise nicht kommt. Da man in diesem geschlossenen Raum mehr oder weniger unter seinesgleichen ist, hat man auch weniger Hemmungen, vermeintlich dumme Fragen zu stellen. Außerdem kann man vor und nach der Aufführung leicht Kontakte mit anderen ausreihe3-Besuchern knüpfen. Auf die klassische Einstiegsfrage „Und, wie fandest du’s so?“ kann so schnell ein Gespräch über Gott und die Welt entstehen. Dass man einfach so Schauspieler anquatschen kann, ist ebenfalls eine gute Sache. Genauso wie die Getränkepreise.

Zu guter Letzt kommt ausreihe3 ohne Mitgliedsbeiträge oder andere Verpflichtungen aus, was dem Verhalten junger Theatergänger entgegenkommt. Vier von fünf der vom Düsseldorfer Schauspielhaus genannten Gründe für ein Abonnement (fester Sitzplatz, Planungssicherheit, Exklusivität, Flexibilität) halte ich in Zeiten, in denen das Theater eh nie ausverkauft ist, für obsolet. Einzig und allein die Ermäßigung ist an einem klassischen Abo noch interessant. Oder sehe nur ich das so?

Newsletter + Facebook = Liebe

Aus organisatorischer Sicht finde ich es löblich, dass ausreihe3 als kommunikativen Hauptkanal einen Newsletter nutzt und somit von Facebook weitgehend unabhängig ist. Ganz ohne geht’s aber doch nicht. Öffentliche Facebook-Veranstaltungen ermöglichen es Nutzern, ihre eigenen Facebook-Freunde einzuladen und tragen somit zu einem schnelleren Wachstum der ausreihe3-Community bei. In Anbetracht der bis zu 160 Besucher pro Aufführung, hat die Seite übrigens erstaunlich wenig Fans (circa 500).

Eine Facebook-Seite zu erstellen, war meines Erachtens übrigens nur die zweitbeste Wahl, denn als Seitenbetreiber hat man das Problem, dass man seine Fans nicht zu Veranstaltungen einladen kann. Das wäre in diesem Fall aber eine wichtige Funktion, weshalb es besser gewesen wäre, auf die Kombi „Newsletter + öffentliche Facebook-Gruppe“ zu setzen. Gruppenadmins können nämlich alle Mitglieder zu Veranstaltungen einladen. Und wenn man nur Administratoren erlaubt, Beiträge zu verfassen, hat man auch kein Spam-Problem (wild um sich postende Mitglieder sind in öffentlichen Gruppen oft ein Ärgernis). Gleichzeitig kann man sehen, wer sonst noch in der Gruppe ist, was die Vernetzung der Mitglieder untereinander fördert.
Da das eigentliche Kennenlernen ohnehin vor Ort stattfindet und die Kombi „Newsletter + Facebook-Seite“ für ausreihe3 gut funktioniert, möchte ich mich daran jedoch nicht aufreiben, zumal eine Gruppe maximal 5.000 Mitglieder, eine Seite hingegen beliebig viele Fans haben kann – was irgendwann einmal relevant werden könnte.


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ausreihe3 lohnt sich fürs Theater

Ob in einem so großen Schauspielhaus wie dem Düsseldorfer 300 Euro mehr oder weniger in der Kasse sind, juckt kaum jemanden. Trotzdem lohnt sich ausreihe3 für das Theater. Und zwar nicht, weil das Düsseldorfer Schauspielhaus so reich ist, sondern weil es so arm an Besuchern ist. Das Foto oben entstand etwa drei Minuten vor Vorstellungsbeginn und zeigt exemplarisch wie es dem hiesigen Theater geht. Ja, es war ein Montagabend, aber das Stück hatte erst vor vier Wochen Premiere und die Kritiken waren gut („Kreise/Visionen besticht durch Witz, Intelligenz und satte Bühnenwirksamkeit…“ Süddeutsche). Spricht man mit Theaterangestellten, erfährt man, dass es öfters vorkommt, dass das Haus nur zu 20, 30 Prozent ausgelastet ist – auch an anderen Tagen und bei anderen Stücken.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat in den letzten Jahren viel an Reputation eingebüßt, viele Besucher verloren und auch der zur aktuellen Spielzeit eingesetzte 76-jährige Interimsintendant Günther Beelitz konnte bislang für keinen sichtbaren Turnaround sorgen. Spitz formuliert könnte man sagen, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus mit dem Rücken zur Wand steht und es sich froh schätzen kann, wenn jemand wie Verena Meis sich engagiert und jeden Monat 100 Besucher ins Theater lockt. Obwohl drei Euro für eine Karte sehr wenig sind, darf man bei der Diskussion über Ticketpreise nicht vergessen, dass sich ohnehin jedes Stadttheater zum allergrößten Teil über öffentliche Gelder finanziert. Viel schlimmer als schlecht zahlende Besucher sind wegbleibende – und von denen gibt es genug. Eine Debatte wie sie Anfang der 1950-er Jahre stattfand, als dem damaligen Intendanten Gustaf Gründgens vorgeworfen wurde, er wolle „nur für die feinen Leute spielen, für die Mercedes-Besitzer aus dem Kohlenpott“ und das Schauspielhaus bekundete, dass es sich „ab 1. 1. 52 außerstande [sieht], verbilligte Eintrittskarten an die Besucherorganisationen abzugeben“ (Spiegel-Artikel „Für die feinen Leute“), ist heute unvorstellbar, zumal den Besucherorganisationen selbst die Mitglieder wegsterben entschwinden (wenn man sich die Website der Düsseldorfer Volksbühne anschaut, weiß man warum). Das Düsseldorfer Schauspielhaus tut deshalb gut daran, ausreihe3 weiterhin zu unterstützen. Denn je mehr Besucher ins Theater kommen, desto mehr legitimiert das auch öffentliche Förderung in Höhe von rund 24 Millionen Euro pro Jahr. Ein volles Theater wird niemand schließen, aber ein leeres?

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager an der FH Dortmund, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

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    Anke von Heyl

    Klasse Beitrag, Axel. Danke für so ein best practice Beispiel. Mir gefällt auch der Fokus auf den Aspekt des Gemeinschaftsgefühl. Das ist für mich auch der eigentliche Gewinn an den sozialen Netzwerken. Mit technischer Innovation hab ich meistens nicht so viel am Hut. Ich gucke mir dann nur an, wie einzelne Tools oder Plattformen im Dienste der Kommunikation bedienbar sind.
    Es ist sowieso letzten Endes ein Mix. Und vor allem Community Building. Das macht Arbeit. Und erfordert gute Ideen. Auf die kommt man, wenn man mal genau hinschaut und sich über die Bedürfnisse der Besucher klar wird.
    Das Modell ausreihe3 könnte man sehr gut übertragen, finde ich!
    Herzliche Grüße von Anke

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    T. Braun

    Sicher ist es gut, wieder die Zuschauer ins Theater zu locken. Als Schauspielerin und Regisseurin in der Freien Theaterszene finde ich diesen Ansatz allerdings schwierig. Wenn wir diese Preise festsetzen als Maßstab, was uns ein Theaterbesuch wert ist, dann kann die gesamte Freie Szene, die ja ohnehin schon zu kurz kommt, was öffentliche Gelder angeht, direkt einpacken.

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    Axel Kopp

    Vielen Dank zunächst für die Kommentare. Über den Preis der ausreihe3-Karten kann man sicherlich diskutieren. Ich persönlich fände es auch besser, wenn er etwas höher läge, zumal ich nicht glaube, dass es dem Format schaden würde. Wenn er jedoch über 10 Euro läge, würde ich mich schon überlegen, ob ich mir ein Stück ansehe. Will sagen: Momentan schaue ich nur, ob der Termin passt und wenn er das tut, kaufe ich mir „blind“ eine Karte (also ohne mich vorab zu informieren und zu überlegen, ob mir das Stück wohl gefällt). Wenn mich eine Inszenierung interessiert, bin ich natürlich auch bereit, mehr Geld auszugeben. Aber wenn ich an meine letzten ausreihe3-Besuche denke, dann hätte ich mir höchstens „Die Ratten“ angesehen, in „Kreise/Visionen“ und „Iphigenie auf Tauris“ wäre ich „unter normalen Umständen“ nicht gegangen.
    Gleichzeitig verstehe ich natürlich das Argument, dass eine Besucherorganisation nicht die Preise kaputt machen sollte. Aber ich glaube nicht, dass ausreihe3 das tut. Da überwiegt das Argument, dass man die Leute erstmal wieder fürs Theater begeistern muss.

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