Social Media Trends (und ihre Unvorhersehbarkeit)

Besonders um den Jahreswechsel sind Social-Media-Prognosen sehr beliebt. Dabei werden gerne auf gut Glück Vorhersagen wie Spaghetti an die Wand geworfen – irgendwas wird schon kleben bleiben. Ein Plädoyer für vorsichtigere und realistischere Einschätzungen.

Um das Problem exemplarisch aufzuzeigen, hier einige Original-Newsletter-Überschriften eines so genannten Social-Media-Experten:

  • 03/2016: Snapchat wird 2016 alles zerstören!
  • 04/2016: Snapchat hat Instagram überholt
  • 05/2016: Google+ ist tot, lang lebe Snapchat!
  • 02/2017: Nach Klon-Angriff von WhatsApp: Geht es mit Snapchat bald zu Ende?
  • 03/2017: Warum Snapchat das neue Apple werden kann
  • 07/2017: Snapchat ist tot – Was jetzt?

Mit seinen Fehleinschätzungen ist dieser Experte beileibe nicht alleine. Nachhaltig in Erinnerung blieb mir etwa ein Vortrag eines HSBA-Professors, der 2012 Google+ für DAS nächste große Ding hielt und jedem Unternehmen zum Einstieg riet. Grandios auch das Deutschlandfunk-Interview mit Matthias Horx zum Jahreswechsel 2018/2019. Er spricht beispielsweise von einem „antidigitalen Gegentrend“, den er mit sinkenden Aktienkursen der großen Internetunternehmen begründet (die mittlerweile schon wieder gestiegen sind) und mit abnehmenden Facebook-Nutzerzahlen in Deutschland (und dabei die wachsende Zahl an Instagram-Nutzern übersieht). Auch Personen, die ich sehr schätze, wie Thomas Knüwer, der seine „glaskugelige Kaffeesatzleserei“ immerhin öffentlich hinterfragt, liegen häufiger mal daneben – bei aller Transparenz schummelt er mit seinen „vertagten Prognosen“ in seiner Selbstbewertung jedoch ein wenig.

Bei Vorhersagen vorsichtiger sein

Viele Social-Media-Experten lehnen sich mit ihren Prognosen viel zu weit aus dem Fenster. Und sie tun das teilweise wider besseres Wissen, denn Leute, die möglichst steile, provokante Thesen vertreten, erreichen medial oft viel Aufmerksamkeit und damit eine hohe Reichweite. Das ist bei Donald Trump nicht viel anders als bei irgendwelchen Trend-Propheten. Zugegeben, als ich noch in meinen Zwanzigern war, habe ich auch gern mal einen rausgehauen, mittlerweile bin ich bezüglich meiner Prognosen vorsichtiger. Das liegt auch an einem weiteren Punkt:

Was entwickelt wird, weiß man nicht

Ich persönlich rechne schon seit einigen Jahren damit, dass Whatsapp es Unternehmen ermöglicht, seinen Dienst kostenpflichtig zu nutzen, zum Beispiel für den Kunden-Service oder um Newsletter/Broadcasts an registrierte Abonnenten zu verschicken. Seit Neuestem haben Unternehmen zwar die Möglichkeit, Werbung in den Storys („Status“-Anzeigen) zu schalten, in Anbetracht des riesigen Potenzials von Whatsapp für Unternehmen ist das allerdings ein sehr zaghafter, vermutlich strategisch begründeter Schritt – um die Nutzer nicht zu verprellen und eine Absprungwelle zu vermeiden.

Schneller als gedacht ging es bei Instagram: 2016 wurde überraschend eine Story-Funktion integriert bzw. von Snapchat kopiert. Dass diese von den Nutzern binnen kürzester Zeit so gut angenommen wird, hat Instagram sicherlich gefreut, war aber in dem Ausmaß kaum zu erwarten. Das 2018 eingeführte IG TV, das von einigen direkt als YouTube-Killer gehandelt wurde, hat im Gegensatz dazu nicht wirklich eingeschlagen. Mag sein, dass sich das noch ändert, bislang sind die View-Zahlen und das Engagement allerdings auf einem niedrigen Niveau. Jetzt kann man sagen „typisch Deutschland“, laufen wir hierzulande doch gerne mal Trends hinterher. Aber auch damit sollte man vorsichtig sein, denn:

Andere Länder, andere Sitten

Bestes Beispiel hierfür sind QR-Codes, die insbesondere in Japan schon vor zehn Jahren weit verbreitet waren. Praktisch sind sie definitiv, kann man in sie doch URLs, Kontaktdaten oder andere Informationen packen. Haben sie sich hierzulande durchgesetzt? Nein. Kulturelle Unterschiede zeigen sich auch bei der Twitter-Nutzung. Konservativ gerechnet twittert in den USA jeder Fünfte, in Deutschland hingegen nur jeder Fünfzigste. Die Chancen, dass sich das ändert? Sehr gering.

Langweilige Social Media Trends 2019

Nach meinen bisherigen Ausführungen sind an dieser Stelle kaum spektakuläre Vorhersagen zu erwarten. Drei Trends möchte ich trotzdem nennen:

  • „Facebookisierung“ von Instagram
    Mittlerweile ist jeder Blasmusikverein auf Facebook, auf Instagram wird das auch bald der Fall sein. Die Folge: Es gibt mehr Content, womit es zunehmend schwerer wird, aus der Masse herauszustechen und Reichweite zu generieren. Entsprechend ist es wichtig, dass man weiß, was für Inhalte die eigene Zielgruppe anspricht, und diese dann bedient.
  • Mehr Storys – überall
    Livestreams haben sich in der Breite nicht durchgesetzt, fast in Echtzeit veröffentlichte Storys als Mix aus Bildern und Videos hingegen schon. Auch vorproduzierte Wissenshappen in Story-Form und (fast) tonlose Erklärvideos, wie sie Spiegel Online & Co. veröffentlichen (Beispiel), sind auf dem Vormarsch. Insbesondere gilt das für Instagram, aber auch in anderen Netzwerken wie Facebook und LinkedIn lassen sich storyartige Videos ausspielen.
  • LinkedIn als soziales Netzwerk
    LinkedIn und auch Xing entwickeln sich schon seit ein paar Jahren weg vom reinen Lebenslauf-Ablageort hin zum sozialen Netzwerk für Erwachsene, in denen man sich über Fachliches austauscht. Gerade weil die Konkurrenz hier noch nicht so groß ist, lohnt es sich, eine Fanbase aufzubauen. Die Statistiken bezüglich Reichweite und Interaktionen zeigen schon jetzt: Da geht was!
avatar
Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.