Fiverr im Test: Perfekt für Unperfektionisten

Auf Fiverr bekommt man sehr viele digitale Dienstleistungen sehr günstig. Möglich ist das, weil die Anbieter in der Regel aus Niedriglohnländern wie Indonesien, Pakistan oder Bangladesch kommen. Doch wie gut ist die Qualität?

Im Rahmen eines egozentrischen Instagram-Adventskalenderprojekts habe ich Fiverr getestet. Konkret habe ich 25 Portraits von mir anfertigen lassen (eines habe ich nicht verwendet). Bis auf das erste und das letzte Portrait, die mich rund 11 Euro gekostet haben, habe ich nur etwa 6,40 Euro pro Bild gezahlt (leichte Preisschwankungen aufgrund des Dollar-Kurses). Die Anbieter haben davon 10 bzw. 5 US-Dollar erhalten, Fiverr jeweils rund 2 US-Dollar Service-Gebühren.

Ist Fiverr Ausbeutung?

In Deutschland wäre es das, zumal man als Anbieter inklusiv Zeit für die Kundenkommunikation und etwaigen Überarbeitungen wohl von 45 bis 60 Minuten Arbeitszeit pro Auftrag ausgehen muss. Da aber, wie erwähnt, die Anbieter großteils aus Niedriglohnländern stammen, sieht die Sache anders aus. In meinem Fall kamen 13 Illustratoren aus Indonesien, wo das monatliche Gehalt eines Grafikdesigners bei durchschnittlich 400 Dollar liegt und der Stundenlohn somit bei 2,50 Dollar. Freiberufler benötigen zwar auch dort einen höheren Stundensatz als Angestellte (da sie nicht ständig Aufträge haben, Urlaubs- und Krankheitstage einberechnen müssen etc. pp.), doch unterm Strich kann man festhalten, dass ein Stundenlohn von 5 Dollar in Indonesien zumindest weit von Ausbeutung entfernt ist.

Die Qualität schwankt stark

Die Kundenbewertungen auf Fiverr sind leider absolut nichtssagend, zumal nahezu alle Anbieter einen Schnitt zwischen 4,8 und 5,0 Sternen haben. Verständlicherweise will man als Kunde niemanden öffentlich an den Pranger stellen und somit dessen Geschäft schädigen (auch ich mache das nicht), gleichzeitig hilft diese Bewertungskuschelei niemandem. Bei mir gab es fünf Arbeiten, die ich explizit schlecht fand. Bei den Portraits im Stil von South Park, The Simpsons und Chibi-Manga erkennt man mich schlichtweg nicht und in drei weiteren Fällen war die Ausführung miserabel. Da ich vorab davon ausgegangen bin, dass die Portraits bei diesen Preisen Mängel haben werden und es auch nur ein Spaßprojekt war, konnte ich damit leben. Nur bei einem Anbieter habe ich mich beschwert. Dieser hat mir daraufhin das Geld erstattet. Da sich Projektabbrüche negativ auf den Fiverr-Algorithmus bzw. das Ranking auswirken, hat er dies privat getan – und dabei auch die Servicegebühren getragen (also Verlust gemacht). Hier die sechs schlechtesten Portraits:

Gute Arbeiten mit kleinen Fehlern

Das Gros der Portraits fand ich ok. In vielen Fällen wusste ich schon vorher, dass mir der Illustrationsstil nicht zu 100 Prozent zusagt (#2, #4, #8, #18, #21, #22, #23), teilweise war ich jedoch auch positiv überrascht (#17 und #20). Fast immer gab es Details, die mich gestört haben. Durch Revisionen/Überarbeitungen, von denen mindestens eine im Preis enthalten war, habe ich versucht, Details zu korrigieren, leider hat das nie zum perfekten Portrait geführt. Natürlich hätte ich vehementer darauf drängen können, gleichzeitig wollte ich kein Arschlochkunde sein – erst recht nicht bei dem Preis. Also habe ich akzeptiert, dass in vielen Fällen Nase und Bart fehlerhaft waren (z.B. bei #2, #4, #21, #22 und #23).

Dass etwas falsch ist, sieht man übrigens als Portraitierter auf den ersten Blick, was hingegen wie geändert werden soll, ist deutlich schwieriger zu beschreiben. Erst recht, wenn man – wie ich – kein Grafiker oder Illustrator ist. Teilweise habe ich eine Viertelstunde das eingereichte Foto mit dem Portrait abgeglichen und gesucht, was genau geändert werden soll. Nervig. Hier die Portraits, die ich in die Kategorie „mittelmäßig bis gut“ packen würde:

Positive Überraschungen

Glücklicherweise war ich von einigen Portraits auch begeistert. Dazu gehören die beiden WPAP-Illustrationen #6 und #10, die gut gezeichnete Arbeit #16, die stilistisch interessanten Bilder #5 und #11, das von mir erdachte Clown-im-Kopf-Portrait #1 sowie das höchst erotische Türchen für den Heiligen Abend #24.

Macht Fiverr die Preise in Deutschland kaputt?

Jein. In meinem Fall wäre die Alternative zu „Ich lasse mir 24 Portraits auf Fiverr erstellen“ „Ich mache den Kalender nicht“ gewesen. Allerdings ist mein Projekt nicht repräsentativ, denn Fiverr ist in erster Linie eine B2B-Plattform. Auf YouTube gibt es zahlreiche – von Fiverr gesponserte – Videos, in denen sich YouTuber ein Logo erstellen, ein Intro animieren, ein Bild bearbeiten oder ein Video editieren lassen. Das Resultat ist in allen Fällen ähnlich: Man kann für wenig Geld hervorragende Arbeiten bekommen. Die Betonung liegt dabei auf „kann“. Da ein höherer Preis nämlich keine hohe Qualität garantiert und auch die Bewertungen nichts aussagen, bleibt es ein Glücksspiel – speziell wenn man nur eine Person beauftragt. Wer sich darauf einlassen will: bitteschön! Außerdem sollte man als Kunde den eigenen Zeitaufwand einkalkulieren, wie Bettina Ramm anschaulich beschreibt. Fairerweise muss man sagen, dass auch „Made in Germany“ nicht automatisch hohe Qualität bedeutet. Wer also einen hiesigen Grafiker, Animationsdesigner oder App-Entwickler engagiert, kann ebenfalls enttäuscht werden – selbst wenn man sich vorab die bisherigen Arbeiten und Referenzen anschaut.

Fazit: Fiverr eignet sich nur für kleine Projekte und Kampagnen

Ich persönlich bin kein Fiverr-Fanboy, weiß als Schwabe die Vorzüge der Plattform aber durchaus zu schätzen. 😉 Denn ja, mitunter erhält man für wenig Geld tolle Ergebnisse. Aufgrund der schwankenden Qualität und weil man nie ein 100 Prozent perfektes Ergebnis bekommt, würde ich Fiverr aber nur für kleine Projekte und Kampagnen empfehlen. Wenn es um Leistungen geht, die sich langfristig auf das Unternehmen auswirken (z.B. ein Corporate Design oder eine Website) würde ich mir lieber einen Freelancer oder eine Agentur vor Ort suchen.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

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    Tobias Lübben

    Habe eben über Fiverr jemanden beauftragt, habe aber selbst das Preisniveau noch oben korrigiert, so dass derjenige auf 25 Euro pro Stunde kommen sollte. Bin mal auf das Ergebnis gespannt. Übrigens steckt in deinen Porträts, lieber Axel, teilweise deutlich mehr Arbeitszeit als die von dir geschätzten 45 min. Fiverr_04 ist eine hervorragende Arbeit, die m.E. „deinem Typ entspricht“, wie es früher in gedruckten Kontaktanzeigen immer hieß.

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    Axel Kopp

    Wie viel Zeit die jeweilige Person gebraucht hat, lässt sich von außen natürlich nur schwer beurteilen. Es gibt Illustratoren, die superfix sind, die machen so was mitunter in 15 Minuten. Auch Portrait-Zeichner auf der Straße sind in aller Regel sehr schnell. Sicherlich stark personenabhängig. Bei Fiverr kann man übrigens auch im Nachhinein Trinkgeld geben. Aus Käufersicht die bessere Variante, wenngleich du so natürlich einen Anreiz schaffst, dass der Anbieter sich deinem Auftrag ganz besonders widmet.

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