Street Art und das Kunstsystem: Das wird nichts mehr

Street Art hat viel Potenzial: Sie ist für alle da, anarchisch, kreativ, oft politisch, mitunter lustig und besonders bei jungen Leuten beliebt. Und trotzdem klafft zwischen ihr und der Kunstwelt eine Kluft, die nur wenige Künstler überbrücken können. Eine Suche nach Gründen.

Klar, Banksy. Und sonst? Shepard Fairey, JR und vielleicht noch Os Gêmeos. Danach dürfte es bei vielen schon dünn werden, wenn es um die Nennung zeitgenössischer Street Artists geht. Ich selbst war insbesondere zu Beginn der 2010er großer Street-Art-Fan und hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass diese Kunstform schon bald das ganz große Ding wird. Dass kein Museum, kein Galerist und kein Sammler an ihr vorbeikommt. In der Folge habe ich mir ein paar Arbeiten gekauft, u.a. von Blek le Rat, Alex Senna und Alias. Die Sachen gefallen mir noch immer, wenngleich ich sie mir heute nicht mehr kaufen würde (bin vermutlich zu alt). Als Wertanlage taugen sie aber nicht und ich gehe davon aus, dass das so bleiben wird, denn Street Art findet einfach keinen Einzug in die Kunstwelt. Hier sechs minus eins Probleme:

Kein Problem: Street Art kann auch drinnen stattfinden

Ein Grundproblem scheint auf der Hand zu liegen: Street Art muss per Definition auf der Straße bzw. im öffentlichen Raum stattfinden – sonst wäre sie ja keine Street Art. Das klingt plausibel, mir ist diese Definition trotzdem zu eng, denn zumindest Street Artists können – und das tun sie ja auch – „Indoor-Arbeiten“ schaffen (z.B. auf Wänden, Leinwänden oder ganz anderen Materialien) und Fotografien ihrer „Outdoor-Arbeiten“ zeigen. Das ist dann zugegebenermaßen keine Street Art mehr im engeren Sinne, aber es sind Arbeiten von Künstlern, die sich primär als Street Artists verstehen. Außerdem muss nicht jede Kunstform in Museen oder Galerien hängen. Das tun die Arbeiten von Künstlern, die sich auf Kunst am Bau, Land Art oder Großskulpturen spezialisiert haben, auch nicht. Ergo gibt es bei Street Art andere Probleme.

Problem 1: Street Art ist zu oft zu flach

Ein wichtiges Element von Kunst ist, dass über sie geschrieben und sie kunsthistorisch eingeordnet wird. Die Referenzen, Theorien oder Aussagen müssen dabei nicht zwangsweise vom Künstler selbst kommen oder für den Betrachter erkennbar sein. Ganz im Gegenteil, in der Regel sind es Kunsthistoriker, Galeristen oder Philosophen, die sich über die Arbeiten Gedanken machen und dabei deren Besonderheiten herausarbeiten. Von Vorteil ist dabei, wenn die Kunst im Vagen bleibt und unterschiedliche Interpretationen zulässt. Street Art ist leider häufig zu explizit oder das Gegenteil davon: zu beliebig. Das macht sie für Intellektuelle (oder solche, die es gerne wären) wenig ansprechend. Die Gegenfrage, ob „große Kunst“ denn immer ein theoretisches Fundament haben muss, ist sicherlich berechtigt. Sagen wir mal so: Zumindest der Schein sollte gewahrt werden. 😉

Problem 2: Das Kunstsystem will elitär bleiben

Dass Street Art für alle zugänglich ist, mögen viele gut finden, es widerspricht jedoch dem traditionellen Kunstsystem, das eben nicht offen, sondern – ganz im Gegenteil – exklusiv und elitär ist. Der Einbezug von Street Art oder Graffiti in Ausstellungen wie „Wände | Walls“ 20/21 in Stuttgart, ist die absolute Ausnahme (und selbst hier war sie örtlich ausgelagert). Dass Museen sich ändern müssen, um auch ein jüngeres und weniger elitäres Klientel zu erreichen, wird zwar seit Jahren immer wieder und aus unterschiedlichen Richtungen gefordert, doch dafür gibt es auch andere Wege. So gestalten Kunstmuseen beispielsweise Ausstellungen bewusst „instagrammig” oder stellen Bezüge zu gesellschaftsrelevanten Themen wie Rassismus, Tinder oder Müll her. Zumindest teilweise scheint diese Rechnung aufzugehen.

Heute Roa und Blu und morgen Richter und Baselitz zu präsentieren, funktioniert hingegen nicht. Das liegt sicherlich auch daran, dass Museen, Künstler, Galeristen und Sammler, die ja das Kunstsystem bilden, großen Wert darauf legen, mit wem sie in einer Reihe genannt werden. Die Angst vor einem Reputationsverlust ist groß.

Problem 3: Street Art will Gegenkultur bleiben

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass Street Artists ihrerseits oft kein gesteigertes Interesse haben, Teil der Kunstwelt zu werden. Viele wollen „Straße bleiben“, so dass die Verachtung gegenüber jenen, die sich auf exklusiven Vorbesichtigungen mit einem Glas Champagner in der Hand tummeln, groß ist. Exemplarisch für die Kritik am Kunstmarkt kann sicherlich Banksys (missglückte) Schredder-Aktion 2018 stehen. Klar möchten und müssen auch Street Artists Geld verdienen, doch die Abneigung gegenüber Kapitalismus, Bildungsbürgertum und Elite ist groß. Vermutlich hätte zwar kaum ein Street Artist was dagegen, an diese Klientel das ein oder andere Bild zu veräußern, doch sich mit dieser gemein zu machen, würde für viele einem Selbstverrat gleichkommen.

Problem 4: Street Art wird nicht an Kunsthochschulen gelehrt

Es gibt viele exzellente Künstler, doch nur ein winziger Teil schafft es, von der Kunst zu leben. Neben der künstlerischen Qualität, die sich nur schwer messen lässt, spielt Networking im Kunstsystem eine wichtige Rolle. Und dieses beginnt in den Kunsthochschulen. Hier findet Street Art jedoch nicht statt. Dies wäre aber notwendig, da fast alle erfolgreichen Künstler studiert haben. Ein Kunststudium wäre für viele Street Artists auch sinnvoll, um andere Ansätze kennenzulernen und ihre Kunst weiterzuentwickeln. Das Wissen um Codes, Gepflogenheiten und Verhaltensweisen wird zwar nicht in Seminaren gelehrt, aber in Gesprächen und auf Ausstellungen en passant vermittelt. Auch das ist wichtig. Spannend wird sein, inwiefern sich durch Social Media das Kunstsystem ändert und ob dadurch Netzwerke aufgebrochen werden bzw. neue entstehen.

Problem 5: Street Artists grenzen sich nicht angemessen ab

Ist Graffiti und Street Art das Gleiche? Nein. Sind Tags und Schmierereien Kunst? Nein. Doch weil viele Street Artists aus der Graffiti-Szene kommen, fällt es schwer, sich von dieser zu distanzieren. Außerdem ist die Abgrenzung im Einzelfall schwierig, wenngleich sich die meisten Street Artists mit dem Kleben von Paste-ups und legalen Arbeiten begnügen. Apropos Auftragsarbeiten: Für was sich manche Graffiti-Sprayer hergeben, wie etwa beim Rather Bahnhof, den Stadtwerken Halle oder bei Innogy in Essen ist eine künstlerische Bankrotterklärung. Mehr Sell-out geht nicht! Da muss man sich nicht wundern, dass Graffiti unter „richtigen“ Künstlern so einen schlechten Ruf hat. Doch was tun? Künstlerkollektive sind zwar ein wenig out, doch wäre ein Zusammenschluss von Street Artists mit ähnlichem Stil sicherlich eine gute Idee, um das Image aufzupolieren.

Fazit: Ausnahmen bestätigen die Regel

Zugegeben, man kann diesem Artikel vorwerfen, dass er zu oberflächlich ist, aber ich wollte einen Blog-Post schreiben, kein Buch. Und dass es ausgezeichnete Street Artists gibt, die den Sprung in die Kunstwelt geschafft haben, steht völlig außer Frage. Auch Street-Art-Galerien und -Ausstellungsprojekte gibt es hier und da. Nur eine große Strömung, die die zeitgenössische Kunst maßgeblich beeinflusst, wenn nicht sogar prägt, ist Street Art sicherlich nicht. Als Beweis reicht der Besuch einer Kunstmesse oder das Lesen eines Kunstmagazins wie der Art. Leider.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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