In der aktuellen Ausgabe der brandeins ist u.a. auch ein Bericht über den „Öko-Vatikan“ Greenpeace drin. Der Vorspann sagt bereits einiges über die dort vorherrschende Organisationskultur aus:
„Straffe Ordnung.
Elitäre Haltung.
Penetrantes Marketing.
Wenig Einblick für die Öffentlichkeit.
Kanne eine Firma im 21. Jahrhundert so funktionieren?
Greenpeace kann.“
Jetzt ist Greenpeace freilich keine Kultureinrichtung, aber sie ist – wie viele Kulturbetriebe – eben eine gemeinnützige Organisation, die einem guten Zweck dient, gute Arbeit leistet, ein gutes Ansehen in der Bevölkerung genießt und die kaum etwas zu verbergen hat. Und trotzdem schottet sie sich ab. Und trotzdem ist Greenpeace eine „Firma, die nie von sich behauptet hat, selbstgenügsam oder gar basisdemokratisch organisiert zu sein“. Allein, dass der Autor hier von einer „Firma“ spricht, zeigt deren strukturelle Nähe zu einem kommerziellen Unternehmen. Eine gemeinnützige Organisation wie Greenpeace verfolgt gänzlich andere Motive als ein kommerzielles Unternehmen, das bekanntlich auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, trotzdem scheinen sich die Organisationskultur und die innerbetrieblichen Abläufe sehr wohl denen eines kommerziellen Unternehmens zu ähneln.

Sind Kulturbetriebe genauso „offen“ wie Greenpeace?

Meine Kulturkarriere ist noch jung und nicht repräsentativ, doch in Anbetracht dessen, was andere Kulturschaffende mir schon erzählt haben und wie andere Nicht-Kulturschaffende von ihrem Arbeitsalltag berichten, wage ich folgende These: In Bezug auf die Arbeitsatmosphäre, das Arbeitsklima, die Arbeitsbelastung und auch die Arbeitsabläufe macht es keinen Unterschied, ob man in einem kommerziellen oder einem nicht-kommerziellen Betrieb arbeitet.
Weder geht es per se in Kulturbetrieben lässiger, fairer oder spaßiger zu, noch ist die Organisationskultur eine völlig andere. Ich möchte damit genauso wenig sagen, dass die Arbeitsbedingungen in Kulturbetrieben schlechter seien, ich möchte nur sagen, dass sie per se nicht anders sind. Sie können anders sein, müssen aber nicht. Wie aufgeschlossen oder verschlossen ein Betrieb ist, hängt also nicht von dessen Rechtsform ab. Ich halte es auch für eine Mär, dass die oftmals deutlich höheren Löhne in kommerziellen Betrieben eine Form der „Entschädigungszahlung“ darstellten. Gut möglich, dass die „Glücklichkeit“ der Angestellten branchenabhängig ist (da in schlecht laufenden Branchen der Stress vermutlich höher ist), aber noch mehr ist sie vom jeweiligen Betrieb abhängig.

Weniger Geld bei gleich viel Spaß?

Ein Kulturmensch ist kein Ingenieur und so würde er in der Automobilbranche vermutlich nicht glücklich werden. Deshalb würde ich in diesem Artikel auch keine Warnung sehen, für alle, die damit liebäugeln im Kulturbetrieb zu arbeiten. Vielmehr geht es mir um die Konsequenzen, die sich daraus für das Thema „Social Media im Kulturbetrieb“ ergeben. So öffentlich oder gemeinnützig der Kulturbetrieb sein mag, er wird auch zukünftig keine Vorreiterrolle in Sachen Social Media einnehmen. Im Gegenteil. Die bürokratische Vergangenheit der öffentlichen Kulturbetriebe (jedes Stadttheater war früher wie eine Verwaltung organisiert) steckt ihnen noch immer in den Knochen. Und noch schlimmer: Eine Veränderungsbereitschaft ist nur punktuell zu erkennen. Eine offene und transparente Organisationskultur wie sie das NRW-Forum Düsseldorf vorlebt, wird auch zukünftig die Ausnahme bleiben. Der Wille, in einen Dialog mit dem Publikum zu treten, bleibt hintenangestellt und wird als Luxusphänomen betrachtet. Da sich die finanziell schwierig Situation im Kulturbereich nicht entspannen wird, werden Kultureinrichtungen weiterhin versuchen, kommerziellen Kulturbetrieben nachzueifern und möglichst effizient („verlustminimierend“) zu arbeiten. Und deshalb werden sie ihre Auftritte auf Facebook, Twitter & Co. auch nicht nutzen, um ihrem Kulturauftrag nachzukommen (wird andernorts erledigt) und mit ihrem Publikum in einen Dialog zu treten (das wäre viel zu viel Aufwand), sondern sie werden diese Kanäle nutzen, um Werbung für sich zu machen und ihr Produkt zu verkaufen. Ihre Präsenz im Social Web wird sich weiterhin durch schlechtes Marketing auszeichnen und bald werden sie sich fragen, was ihnen das alles bringe. Diese Frage wird selbstverständlich nur unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Und da wird man abwägen. Ganz genauso wie im kommerziellen Unternehmen eben.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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