Was Freiburg und Potsdam schon haben, möchte jetzt auch Stuttgart: ein Kulturkonzept. Und weil Monologe hierzulande seit Stuttgart 21 out sind, setzt man nun auf Dialog. Die Auftaktveranstaltung am 2. Juli hieß folgerichtig „Kultur im Dialog“ und wurde von den Vertretern sämtlicher Stuttgarter Kultureinrichtungen vor allem zum Kuscheln genutzt. Es ging ja auch nicht um Geld.

Was bisher geschah:

Ausgangspunkt für  „Kultur im Dialog“ war der im Herbst 2009 verkündete Kürzungsplan im Stuttgarter Kulturetat in Höhe von fünf Millionen Euro pro Jahr. Damals setzte man auf den Rasenmäher. Mit Ausnahme der Theater und des Kunstmuseums sollten alle Institutionen, die mit weniger als 400.000 Euro jährlich subventioniert werden, fünf Prozent weniger Zuschüsse erhalten. Die hiesige Kulturszene zeigte sich „not amused“ und antwortete mit einer Kunst-Demo, der „Art Parade“. Die Einsparungen fielen infolgedessen (?) weniger drastisch aus und betrugen statt den geplanten fünf „nur“ rund drei Millionen pro Jahr. Nichtsdestotrotz wurde weitgehend konzeptlos gekürzt. Deshalb folgte im Juli 2010 der „Stuttgarter Kulturdialog“, bei dem über die Zukunft von kommunaler Kulturpolitik diskutiert wurde. Die jetzige Veranstaltung war also gewissermaßen der Beginn des dritten Aktes. Diese wird sich noch zwei Jahre hinziehen, denn erst 2013 sollen die kulturellen Leitlinien verabschiedet werden.

Pluralität klingt gut, hilft aber nicht.

Da der Kulturetat aller Voraussicht nach nicht steigt, werden die kulturellen Leitlinien letztlich auch bei der Vergabe von Zuschüssen herangezogen werden. Spätestens dann müsste der Streit beginnen. Denn eine Theaterstadt kann nicht gleichzeitig eine Musikmetropole sein, eine Hochkulturhochburg keine Brutstätte für die freie Szene. Eigentlich. Denn so breit aufgestellt wie die Stuttgarter Kulturszene ist und so gut vernetzt wie ihre Vertreter sind, ist eine solche Positionierung der Stadt politisch undenkbar. Wahrscheinlich wird es analog zu „Kultur 2020“, dem Kulturkonzept des Landes, heißen, dass die Pluralität eines der Grundprinzipien in der Kulturpolitik sei. Konkret liest sich das in „Kultur 2020“ so: „Kunstpolitik muss eine Vielfalt von Kunstformen, ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucks- und Erscheinungsformen ermöglichen: Tradition und Avantgarde, breites Angebot und Spitzenleistungen.“ Klingt gut. Das Problem ist allerdings, dass man mit einem solchen Grundprinzip alles und nichts fördern kann.

Die Buzzwords heißen „kulturelle Bildung“ und „Interkulturalität“.

Um das Kulturkonzept ein bisschen griffiger zu machen, wurde bei „Kultur 2020“ Trick 17 angewandt und die Schwerpunkte auf kulturelle Bildung und Interkulturalität gelegt. So kann jede Sparte und jede Einrichtung selbst schauen, wie sie diese beiden Themen bedient. Das klingt dann so: „Interkulturelle Arbeit ist kein Nischenthema, sondern eine strategische Querschnittsaufgabe für alle Bereiche der Kunst; sie betrifft alle Kulturformen, Sparten und Genres.“

Die vor Ort erarbeiteten Präsentationen der verschiedenen Kleingruppen bei „Kultur im Dialog“ haben gezeigt, dass das Stuttgarter Kulturkonzept so ähnlich aussehen wird. Man wird in den nächsten zwei Jahren noch ein bisschen Kulturwirtschaft, bürgerschaftliches Engagement, Partizipation, Wissenschaft und Vernetzung einstreuen – und gut ist. Die sieben oder acht Teams, die per Zufallsprinzip zusammengestellt wurden und Ritter Sport Namen trugen, sagten mehr oder weniger alle dasselbe. Man war sich einig, man hatte sich lieb. Kannibalismus wird vermieden, aus der Kulturszene werden keine Kürzungsvorschläge kommen. Das gilt als beschlossene Sache.

Die Gefahr zum Blabla besteht.

Wenn es darum geht, Strukturen zu ändern und Kultureinrichtungen zu schließen – und darum wird man vermutlich in den nächsten Jahren nicht herum kommen – wäre es seltsam, wenn man dies mit einer etwaigen unzureichenden Ausrichtung auf Kinder und Migranten begründen würde. Vermutlich wird es aber eh anders ablaufen: Am Existenzminimum herumkrebsende Kultureinrichtungen werden versuchen, ihre Daseinsberechtigung mit Alibi-Angeboten für Kinder und Migranten zu begründen. Die Frage ist jedoch wem damit geholfen ist. Den Kultureinrichtungen nicht, weil sie es machen, obwohl ihre Kompetenzen woanders liegen; den Kindern und Migranten nicht, weil sie Alibi-Angebote bekommen, die sie nicht wahrnehmen werden; und den Kulturpolitikern nicht, weil sie dann noch immer nicht wissen, wo sie ihren Rotstift ansetzen sollen.

Nun ja, man kann der Stuttgarter Kulturpolitik wahrlich nicht vorwerfen, dass sie es sich einfach macht. Doch so richtig und wichtig ein Kulturkonzept ist und so toll die Idee einer basisdemokratischen Erarbeitung desgleichen ist, so groß ist die Gefahr, dass bei einer solchen Masse an Mitarbeitenden das Konzept schwammig und letztlich für die praktische Kulturpolitik unbrauchbar wird.

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager und Online-Marketing-Berater, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

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    Christian Henner-Fehr

    Irgendwie ist es ja auch perfide, wenn es sich die Lämmer untereinander ausmachen dürfen, wann sie geschlachtet werden und wie viel von ihnen geschlachtet werden. Von solchen Dialogprozessen halte ich vor allem dann recht wenig, wenn sie auch noch jahrelang dauern. Am Ende weiß niemand mehr, worum es eigentlich ging bzw. hat die Realität die dialogisch entwickelten Vorschläge nicht nur eingeholt, sondern vermutlich überholt.

    Aber man könnte dann auf Grundlage der neuen Faktenlage einen neuen Prozess aufsetzen. 🙂

    Spaß beiseite: diskutiert werden muss doch die Frage, welche Kunst und Kultur sich die Stadt und ihre Bürger leisten wollen? Und welche Ziele damit erreicht werden sollen. Die müssen konkret und auch erreichbar sein. Natürlich klingen die in Kultur 2020 formulierten Ziele ganz wunderbar, aber was hat das mit der finanziellen Situation zu tun?

    Das Problem ist doch, nicht nur in Kunst und Kultur, dass der Politik der Gestaltungswille und unter Umständen auch die dazu notwendigen Fähigkeiten abhanden gekommen sind. Es wird doch nur noch der Mangel verwaltet und das ist eindeutig zu wenig.

    Eigentlich habe ich gar keine Lust mehr mit der Politik über die Zukunft zu sprechen, denn was alles nicht geht, weiß ich selbst…

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    Axel Kopp

    Die Frage ist ja: Von wem muss diskutiert werden, welche Kunst und Kultur man sich leisten will? „Kultur im Dialog“ war vor allem ein Treffen von Kulturschaffenden und Vertretern von Kultureinrichtungen. Da der Selbsterhaltungstrieb traditionell groß ist, sind die Ziele meines Erachtens absehbar. Da das Geld aber begrenzt ist, werden vor allem jene Einrichtungen und jene Kultur, die bislang nicht gefördert wurde, auch in Zukunft nicht oder nur schwach gefördert werden. Ich persönlich fände es besser, wenn es ein kleinerer, dafür besser durchmischter Kreis wäre (beispielsweise zusammengesetzt aus Politikern, Sachverständigen und „kulturinteressiere Bürgern“), der darüber diskutiert, wie die Stuttgarter Kulturlandschaft in 10 oder 15 Jahren aussehen soll.
    Ich denke wie du, dass in der Politik der Gestaltungswille bzw. der Mut zur Gestaltung fehlt und man deshalb auf Mangelverwaltung setzt.

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    Christian Henner-Fehr

    Die Frage, wer da diskutieren soll, ist eigentlich recht einfach zu beantworten. Es gibt generell zwei Ebenen, auf denen Kunst einen Wert haben kann. Ebene eins ist die gesellschaftliche, die eigentlich von der Politik gestaltet werden sollte. Zumindest werden Politiker dafür gewählt. Wenn die also sagen, wir brauchen Kunst und Kultur, weil das bestimmte positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, dann müssen sie das Geld irgendwo locker machen. Sonst ist die Kunst anscheinend doch nicht so wichtig, denn deren Bedeutung ständig zu betonen und gleichzeitig achselzuckend zu verkünden, es sei kein Geld mehr da, ist spätestens seit der Bankenkrise nicht glaubwürdig.

    Ebene zwei betrifft das Publikum, die berühmten Zielgruppen, die entweder schon da sind oder noch zu Gästen, Besuchern, etc. werden sollen. Die Abstimmung erfolgt durch den Besuch oder den Kauf der Angebote.

    Und dabei zählt nur, wer auch wirklich geht und Kunst in Anspruch nimmt. Wie oft habe ich von Leuten gehört, sie könnten nicht in die Kleinstadt ziehen, dort gäbe es kein Theater. Fragte man dann nach dem letzten Theaterbesuch, lag der schon Jahre zurück.

    Irgendwie ist das so, wie wenn Du mich fragst, ob ich mich für Kulturreisen interessiere. Ich antworte mit einem ganz klaren Ja und bin im Urlaub trotzdem so fertig, dass es mir vor allem um Erholung geht. Mein Bekenntnis hilft einem Reiseanbieter also nicht weiter.

    Und genauso ist das in Sachen Kunst und Kultur. Entweder es interessiert und die Leute gehen hin oder man sperrt den Laden zu. Alles andere ist unehrlich…

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