Nicht vor dem Computer oder der Glotze herumhängen, sondern „machen, starten, lostreten, anfangen“! Die Mädels und Jungs von PHASE 0 haben ihr Projekt durchgezogen und ein Buch voller Geschichten geschrieben: „Geschichten rund um das Anfangen und das Projekte-machen, das Scheitern und den Neubeginn; das Lernen, Erfahrung sammeln und Bessermachen.“ Das Fazit des Buchs steht bereits in der Einleitung: „Starte, so starte; starte deine Action!“ Damit man nicht auf die Fresse fällt: Vorher PHASE 0 lesen!

Worum es geht

Acht Projekte werden im Buch von den jeweiligen Machern vorgestellt. Wobei „vorgestellt“ das falsche Wort ist, denn mit Selbstbeweihräucherung (wie geil das eigene Projekt und wie geil man selbst ist) hat PHASE 0 nichts zu tun. Besser wäre es, von autobiographischen Projektdokumentationen mit Handlungsempfehlungen zu sprechen. Wobei es das auch nicht trifft, denn das klingt aufgesetzt. Und das ist PHASE 0 eben nicht. Die Beschreibungen wirken authentisch (was daran liegen könnte, dass sie es sind), sie lesen sich wie aus einem Guss und porträtieren sämtliche Projektphasen, Höhen und Tiefen und Höhen und Tiefen… und Höhen. Das ist wichtig: am Ende steht das Hoch. PHASE 0 ist demnach auch ein Mutmach-Buch. Geschrieben für alle, die bislang so sehr Angst vor dem Scheitern hatten, dass sie erst gar nicht angefangen haben. Und das wäre der größte aller möglichen Fehler: nicht anzufangen. In Altklug könnte man auch sagen: am Ende des Tages bereut man nicht das, was man gemacht, sondern das, was man nicht gemacht hat.

Kann man Projektmanagement lernen?

Kulturprojekte leben von der eigenen Überzeugung, vom Hoch-hinaus-Wollen, von Visionen. Größenwahnsinn ist ein Muss. So wollte etwa das Team vom fokus Festival nicht einfach nur die Jugend- und Freizeitmesse durchführen (natürlich „viel besser und viel, viel größer als es bis dato der Fall war“), sondern sie wollten ein Stück weit die Weltherrschaft an sich reißen – und das „ohne einen einzigen Masterplan zu haben“. Das Ergebnis: „Plötzlich standen wir auf einem Gelände, das durchaus für mehr als 10.000 Jugendliche interessant und raumgebend sein könnte, mit etwas unter 1.000 Besucherinnen und Besuchern und etwa 17 Akteuren aus der Region.“
Weil die Macher von PHASE 0 andere vor einem solchen Scheitern bewahren möchten, ist das Buch so etwas „wie das Polster vor dem Fall“. Im Gegensatz zu typischen Projektmanagement-Büchern geht es in PHASE 0 nicht um Projektstruktur- oder Kostenfinanzierungspläne, sondern darum, Projekte zu durchleben. Ohnehin stellt sich die Frage, ob man das Projektemachen überhaupt lernen kann. Martin Pleiß vom End Pilot Festival schreibt dazu: „Seit acht Jahren veranstalte ich Konzerte und Kultur, organisiere Geld und Menschen, schaffe Räume für Kreativität – und ich werde nicht professioneller, nicht schneller, nicht effektiver und nachweisbar gelernt habe ich in der Zeit fast nichts.“ Das schreibt er zwar, aber stimmen tut das nicht. Angelehnt an Watzlawick könnte man sagen, dass man durch das Projektemachen nicht nicht dazulernen kann.

Was das Wichtigste ist…

… beschreibt Sebastian Cleemann vom Musiklabel Sinnbus so: „Dran bleiben, nicht aufgeben, aus Fehlern lernen, sich absichern, nicht zu viel Zeit auf die Absicherung verschwenden, nicht zu naiv sein, naiv genug sein, die Freundschaft nicht vergessen, den Freunden nicht dienen, aufs Geld achten, auf die Liebe achten.“ Wieder so eine Sache, die das Buch so gut macht: die Mischung aus Pathos und Sachlichkeit, aus Grundsätzlichem und Ultrakonkretem. Andreas und Roman Schwarz vom La Pampa Festival legen beispielsweise dar, was Skype-Konferenzen können (und was nicht), welche Vorteile Cloud-Dienste wie Dropbox mit sich bringen und wie wichtig eine gut durchdachte Ordnerstruktur ist. Wie man erfolgreich einen Verein gründet, schreibt Alexander Speckmann von der Dingfabrik und wie man eine Demo organisiert, Daniel Hires von der Silent Climate Parade.

Warum Kultur so viel Spaß und selten reich macht

Verrückt, aber auch typisch für die Kulturszene: jemand überlegt sich, worauf er Lust hat und macht das dann. Der Motor heißt Leidenschaft, die Organisationform Management aus dem Bauch und zusammengearbeitet wird mit Leuten, die man kennt (Kompetenz ist Nebensache). Und damit nimmt das Drama seinen Lauf. Denn die Prioritäten werden falsch gesetzt. Angefangen wird mit den unwichtigen, sexy Sachen (Name, Logo etc.), die wichtigen, langweiligen Belange (Organisation, Finanzierung, Rechtsform, Zeitplan etc.) werden auf die lange Bank geschoben. Ein schönes Beispiel vom la pampa Festival: „Ab Januar begannen sich daher die Ereignisse zu überschlagen und mit Sicherheit gingen hier Sachen schief, die langwierige Konsequenzen nach sich gezogen haben. Zum Beispiel ist der Plan, eine privatwirtschaftliche Gesellschaft für die Durchführung des Festivals zu gründen, aus Zeitmangel komplett auf der Strecke geblieben. Der bisher für unsere Veranstaltungen existierende, gemeinnützige Hausrock e.V. musste herhalten. Eine sowohl im Gewinn- als auch Verlustfall eher unschöne Praxis.“
PHASE 0 mahnt nicht. PHASE 0 prangert nicht an. PHASE 0 zeigt aber, was passieren kann, wenn man sich zu sehr von der Leidenschaft treiben lässt. Wohlwissend, dass Leidenschaft das Wichtigste überhaupt ist und nie niemals versiegen darf. Auch nach der Lektüre von PHASE 0 werden junge Projektemacher die Fehler von anderen wiederholen – wie Kinder, die erst auf die heiße Herdplatte fassen müssen, um zu glauben, dass man sich daran die Finger verbrennt. Das gehört dazu. Aber es besteht eine ziemlich große Hoffnung, dass sie wenigstens nicht alle Fehler wiederholen werden.

Fazit

Dass ich von PHASE 0 begeistert bin, hat der geneigte Leser vielleicht schon gemerkt. Wie sehr ich begeistert bin, zeigt sich daran, dass Michael Lippold vom PHASE 0-Team mir ein Exemplar als PDF geschickt hat und ich mir direkt nach dem Lesen ein gedrucktes bei Amazon bestellt habe. Und dass, obwohl ich Schwabe bin.
Meines Erachtens ist das Buch die ideale Ergänzung zu klassischen Lehrbüchern wie Armin Kleins „Projektmanagement für Kulturmanager“ und eine Pflichtlektüre für jeden angehenden Projektemacher und Kulturmanagement-Studenten.

P.s. Wie man auf der Website unschwer erkennen kann, ist PHASE 0 vielmehr als ein Buch.
P.P.s. Hier der Trailer:

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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