Theater-Homepages, eine Typologie

Haha, der sagt Homepage! Ja, mache ich, aber ich meine damit auch nicht die komplette Website, sondern tatsächlich nur die Startseite. Im Rahmen der Mini-Studie über mobile Theater-Websites, habe ich Screenshots von den Desktop-Varianten der Theater-Homepages gemacht, die ich nun typologisiere (spät, aber trotzdem lesenswert :-)).

Die Typologisierung ist weder umfassend noch trennscharf (Websites können in keiner oder in mehreren Kategorien auftauchen). Bei Beschwerden und Berichtigungen nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion oder machen Sie es besser!

Typ: PDF reicht

Eigene Website? Brauchen wir nicht! Diese Meinung vertritt man zum Glück nur noch bei der Puppenbühne „Öcher Schängche“. Sicherlich ein kleines Theater, aber es hatte in der vergangenen Spielzeit immerhin acht unterschiedliche Inszenierungen am Laufen und im Schnitt eine Aufführung pro Woche. Bislang werden die sehr spärlichen Informationen über die Inszenierungen in ein PDF gepackt. Worst Practice! Gibt es denn in Aachen keine Agentur, die dem Theater für kleines Geld eine WordPress-Website mit Veranstaltungskalender aufsetzt? So für den Anfang.

2-Öcher-Schängche

Typ: Die Homepage funktioniert doch!

Irgendwann in den Nullerjahren hat man realisiert, dass das Internet nicht mehr wegggeht und dann widerwillig eine Website Homepage (vgl. Einstiegsgag) erstellt. Für viel Geld damals! Und *tata*, sie funktioniert noch immer! Dass sie so aussieht, als ob sie mit Microsoft FrontPage 2000 erstellt wurde, ist egal, Hauptsache sie läuft. Ob in selbigen Theatern Leute mit Schlaghosen aus den 70ern, mit Vokuhila-Frisuren aus den 80ern und mit Buffalo-Schuhen aus den 90ern herumlaufen, ist nicht bekannt. Aber irgendwann kommt ja alles wieder. Dann liegt man wieder voll im Trend und ist nicht retro, sondern original.

Theater-Homepages, Typ 1 by axelkopp

Typ: 08/15

Um die Design- und Programmierausgaben so gering wie möglich zu halten und weil man bloß nichts falsch machen will, hat man auf ein Standard-Template/Theme zurückgegriffen. Damit ist man auf der sicheren Seite. Solche Websites sehen nicht schlecht, mitunter sogar ganz gut aus wie etwa beim Pfalztheater oder beim Theater Münster, doch mangelt es ihnen an Charakter. Sie sind austauschbar wie ein weißes Billy-Regal. Die Website taugt folglich weder zum Aufbau einer Marke, noch ist sie kreativ. Argumente dafür: Theater haben schließlich kein Geld und außerdem ist das Design überhaupt nicht beliebig, weil das Header-Bild ein anderes ist und die Farben ganz anders sind!

Theater-Homepages, Typ 2 by axelkopp

Typ: Text sells!

Man ist schließlich nicht die BILD-Zeitung und außerdem erhöht sich durch Bilder nur die Ladezeit. Lang lebe der Text! Das klingt nach schlimmer Online-Bleiwüste, muss es aber nicht sein. Professionell umgesetzt, kann eine textbasierte Website optisch durchaus ansprechend sein. Das beweist die komplett in schwarz-weiß gehaltene Website der Münchner Kammerspiele, auf der in den Überschriften mit unterschiedlichen Fonts gespielt wird (die allerdings als Bilddateien eingebunden sind). Fotos und Videos gibt es dann erst auf den Seiten zu den Inszenierungen – in schwarz-weiß versteht sich. Sehr ruhig und elegant das Ganze. Ähnlich hübsch: die minimalistische Website des Bremer Theaters. Auch hier sind die Fotos erstmal verborgen, man kann sie sich aber per Klick anzeigen lassen. Das Theater Senftenberg verfolgt ein ähnliches Prinzip, das jedoch weniger professionell umgesetzt wurde und bei dem die viele Klickerei erheblich nervt.
Textlastige Homepages, die furchtbar aussehen, gibt es natürlich auch, siehe Theater Bamberg.

Theater-Homepages, Typ 3 by axelkopp

Typ: Theater im White Cube

Viel Weiß + Foto-Slideshow + x-beliebige Farbe = geht immer. Es ist ein Rezept, das edler daherkommt als Spaghetti mit Tomatensauce, aber im Grunde sehr einfach ist: Gnocchi mit Salbeibutter, angerichtet in einem großen, weißen Teller. Will man ein bisschen Pep reinbringen, legt man eine Chilischote obendrauf (= knallige Hausfarbe), mag man es elegant, dekoriert man mit Salbeiblättchen oder Walnüssen (= dunkle oder pastellene Hausfarbe). Dieses Rezept funktioniert, lässt sich gut variieren und bietet genügend Spielraum für das Branding, weshalb es von einer ganzen Reihe an Theatern gewählt wird. Schön umgesetzt war dieser Typ bis vor Kurzem bei der Oper Leipzig, die mit Schrägen gespielt hat sowie vom Deutschen Nationaltheater Weimar und dem Nationaltheater Mannheim, die als Startseite einen One-Pager haben. Bei der Staatsoper Berlin wirkt die Homepage irgendwie langweilig und beim Theater Ulm stellt sich die Frage, warum die Slideshow komplett mit Menü und Text umrahmt sein muss.

Theater-Homepages, Typ 4 by axelkopp

Typ: Dominanter Hintergrund

Theater sind kreative Orte, gleichzeitig will man seine Besucher nicht verschrecken und usabilitymäßig alles richtig machen. Problem erkannt, Problem gebannt: ein kreativer Hintergrund soll’s richten. Das geht dann mit einem glossy Foto wie beim Friedrichstadtpalast oder mit einem historischen Bild wie bei der Volksbühne oder bunt wie beim Theater Ingolstadt oder indem man unendlich oft das Logo neben- und untereinander setzt wie bis vor kurzem beim Theater Göttingen oder, oder, oder.

Theater-Homepages, Typ 5 by axelkopp

Typ: Wir sind anders

Sie gehen ins Theater, weil Sie sich gerne unterhalten lassen? Meiden Sie das Residenztheater und das Schauspiel Stuttgart! Denn schon die Homepages stellen klar: „Wir wollen nicht gefallen, wir wollen aufrütteln!“ Mit Website-gewordenen Volker-Lösch-Inzenierungen hebt man sich selbstbewusst vom 08/15-Typus ab. Vermutlich wird sich auf der Bühne nicht jedes Stück so kämpferisch bis verstörend präsentieren, doch finde ich es gut, wenn Theater etwas wagen und sich gängigen Webdesign- und Usability-Konventionen entziehen.
„Anders“ muss nicht immer lauter bedeuten. Manchmal sind es auch kleine Normabweichungen, die eine Website interessant machen: Beim Deutschen Theater Berlin sind es mittig gesetzte Bilder und Texte, beim Schauspiel Frankfurt und beim Thalia Theater Hamburg eine kraftvolle Typo. Das Theater Junge Generation hebt sich mit Illustrationen und neongrüner Farbe ab und beim Maxim Gorki Theater setzt man auf einen kioskartigen Stil und starke Bilder.
Das Theater Lübeck schenkt jeder Inszenierung ein extra Icon im Flat-Design-Stil, was ein gänzlich eigenständiges und zurückhaltend-originelles Konzept ist. Der weiße Hintergrund macht die Website insgesamt leider etwas langweilig. Ich bin zwar kein Grafiker, denke aber, dass man mit einem farbigen Hintergrund der Website deutlich mehr Charakter verleihen könnte (siehe Beispiel). Anders ist auch das Badische Staatstheater, dessen Menü so groß ist wie bei einem italienischen Lieferservice, der von einem Inder betrieben wird, der auch Burger und Jägerschnitzel zubereiten kann.
Last but not least möchte ich das Landestheater Neubrandenburg erwähnen, bei dem ein Flugzeug durchs Bild fliegt. Warum???

Theater-Homepages, Typ 6 by axelkopp

Fazit: Insgesamt gut!

Als Faustregel kann man sagen: Je größer das Haus, desto schöner die Website. Dass mit einem neuen Intendanten oft ein neues Corporate Design einzieht, wirkt sich insgesamt positiv auf die Gestaltung der Websites aus. Sofern der Intendantenvertrag nicht verlängert wird, steht nach fünf Jahren quasi automatisch ein Relaunch an. Im Einzelfall – siehe Theater Mainz  – führt das zu einer Verschlimmbesserung, insgesamt sind durch diese kostspielige Tradition die Theater aber gestalterisch auf der Höhe der Zeit.
Zum goldenen Abschluss gibt’s hier alle zwischen dem 18. und 19. Februar 2014 aufgenommenen Screenshots:

Theater-Homepages by axelkopp

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Autor: Axel Kopp

Axel Kopp, Jahrgang 1982, Social Media Manager an der FH Dortmund, ursprünglich Kulturmanager (M.A.) mit Schwerpunkt Online-Marketing

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